Trauern im Internet: Von Hashtags und “GoneBots” (Totenhemd-Blogaktion)

Ein Beitrag zur Blogaktion „Ich hab mit den Toten getanzt“ vom Totenhemd-Blog

Wir bloggen hier nun seit einem guten Jahr über digitalen Nachlass und Online-Trauerkultur. Die Idee kam wie so viele eher überraschend – und wuchtig: Nachdem wir über einige Berichterstattung dazu gestolpert waren, schien das Thema plötzlich überall und mit allem verwoben, was so im Digitalo-Alltag passiert. Also begannen wir zu recherchieren, die Ergebnisse festzuhalten und dann hier zu veröffentlichen, von Praxistipps bis hin zur soziologischen Dimension.

„Wie wollen wir an unsere Toten denken?“

Die Fragestellung dieser Blogparade ist trotzdem nicht ganz einfach zu beantworten: „Wenn du könntest wie du wolltest: Wie würdest du dann an deine Toten denken? Dich auf welche Weise erinnern?“ Da uns zum Glück gerade ein aktueller persönlicher Fall fehlt, wollen wir kurz skizzieren, wie sich das Thema Trauern und Gedenken in den nächsten Jahr(zehnt)en für uns entwickeln könnte – und was das mit dem Internet zu tun hat.

Immer mehr Kontakte finden ausschließlich oder vorwiegend digital statt

business-worldBis zu unserem eigenen Lebensende werden wir zahllose Kontakte haben, die wir nie analog, „persönlich“ getroffen haben – und die uns dennoch näher stehen als viele Nachbarn, Kollegen und vielleicht sogar Familienmitglieder. Heute sind das Twitterer, Blogger, Facebook-Freunde und Xing-Geschäftskontakte; aber auch MMORPG-Mitspieler, Foren-Bekanntschaften und Tinder-Parship-Dating-Brieffreunde. Auch in diesen Kreisen wird es Todesfälle geben. Wenn wir in regem Austausch mit dem Verstorbenen standen, berührt uns dieser Verlust vielleicht viel mehr als der einer Großtante, die wir seit 40 Jahren nicht getroffen haben.

Und das geht nicht nur uns so: Das Internet kennt schon heute seine ganz speziellen Trauerfälle. Aus 2016 kommt uns spontan der Tod eines Twitterers und Bloggers im Gedächtnis. Er hatte in verschiedenen Kanälen seinen Suizid angekündigt. Die Zeit reichte noch, eine großräumige Suche zu starten; leider reichte sie nicht mehr, um ihn zu retten. Einige Tage war der Todesfall ein dominantes Thema in unserem digitalen Alltag.

Der Umgang mit seinem Tod war lehrreich: Denn niemand wusste so recht, wie man pietätvoll damit umgehen soll. Das ist bei Suiziden immer schwer, aber hier bestand die Trauergemeinde, die wir erlebten, nur aus virtuell vernetzten Menschen. Man könnte sagen: Der Trauerfall wurde ein Hashtag.

Grundfrage: Wenn wir könnten, wie wir wollten: Wie würden wir digital und virtuell trauern?

Die Frage, die sich stellt: Wie wollen und werden wir in digitalen Räumen trauern? Wie sieht ein gemeinsames (oder auch individuelles) Gedenken an einen virtuellen Kontakt aus? Wo berührt das die „analogen“ Hinterbliebenen, die vielleicht nur wussten, dass der Verstorbene „was mit Internet“ gemacht hat?

Vier Ideen

Wir haben versucht, diese Ideen kurz zu skizzieren – mit allen Risiken und Nebenwirkungen der Prophetie. In 20 oder 40 Jahren spricht vermutlich niemand mehr von „Twitter“ oder „Hashtag“, aber das Prinzip bleibt bestehen.

#1: Die Skype-Gedenkfeier 

„Skype Technology“ von C_osett. (Public Domain)

Leben Familienmitglieder und enge Freunde weit verstreut, treffen sie sich am vereinbarten Gedenktag einfach im Netz via Skype (oder einem anderen Videotelefonie-System). Dabei werden auch alle Angehörigen „mitgenommen“, die mit der Netzwelt wenig oder nichts am Hut haben. Jeder macht es sich zur selben Zeit zuhause gemütlich, um den Küchentisch versammelt, auf der Couch, oder vielleicht sogar an einem eigens eingerichteten Erinnerungsort. Einzige Grundvoraussetzung: Es muss ein Ort mit Internetzugang sein.

Weil die Verstorbene die beste Keksbäckerin der Welt war, haben sich alle mit leckeren Naschereien eingedeckt, wer Zeit gehabt hat, mit selbst Gebackenem. Während der Videoschaltung wird gezeigt, getafelt und erzählt. Auch, wenn einer der Teilnehmer vielleicht alleine zuhause sitzt – über die Konferenzschaltung haben die Vertrauten ein unsichtbares Netz über das Land gelegt, ein verbindendes “Erinnerungsnetz”. (Keine reine Zukunftsmusik.

#2: Der Twitter-Gedenk-Hashtag

Lots of Hash
(c) Michael Coghlan. (CC BY-SA 2.0)

Wenn wir könnten, wie wir wollten, dann würden wir um einen gemeinsamen Twitter-Freund so trauern: Erst einmal findet keiner seiner früheren Netzgemeinde es pietätlos, die eigene Trauer im Netz zu zeigen. Wir rufen einen Hashtag ins Leben, der zum Verstorbenen passt. Der ist ganz schlicht und sprechend wie z.B. #gedenkenanjohannes. Oder wir machen die Wahl des geeignetsten Hashtags schon zu einem Teil des Rituals. Wenn wir uns entschieden haben, twittern wir am Gedenktag über unseren Freund und verwenden dabei alle den vereinbarten Hashtag: Wir erzählen von Gesprächen und Begegnungen und beziehen dabei den Twitter-Handle des Verstorbenen selbstverständlich mit ein. Das ist möglich, weil sein Account nach seinem Tod nicht gelöscht wurde. Vielleicht holen wir Zitate hervor und lassen die anderen daran noch einmal teilhaben. Und jeder darf mitmachen, egal, ob er dem Verstorbenen sehr nahe stand, oder ob er ihn nur über seine Tweets kannte und schätzte.    

#3: Die Blogparade der Hinterbliebenen

Auch ein Totenhemd ...
Public Domain

Unser Hashtag-Gedenken lässt sich auch mit einer Blogparade weiterführen. Für die Menschen, die dem Verstorbenen nahestanden; für die, die viel sagen wollen, viel sagen müssen. Ähnlich, wie bei der Totenhemd-Blogaktion organisieren wir eine Blogparade. Die zentrale Anlaufstelle, an der alle Beiträge zusammenfließen, ist das Blog des Verstorbenen. Das besteht nämlich auch weiter, die engsten Freunde haben dafür gesorgt, dass es im Netz bleibt. Und wir veröffentlichen unsere Paradenbeiträge alle am selben Datum, am Gedenktag. Wer kein Freund von großen Worten ist, nimmt sich einfach den Nachmittag frei und liest mit.   

#4: Das Wiedersehen mit dem Chatbot

Tomy Chatbot
Tomy Chatbot by Michele M. F. (CC BY-SA 2.0)

Auch die “Reanimation” eines Verstorbenen als Chatbot wird schon heute praktiziert, wenn auch als kuriose Technik-Spielerei – noch nicht als ernsthafte Form des Gedenkens. Das wird sich ändern: Während die einen an einem sakralen Ort oder am Grab den Dialog suchen (oder gar eine Seance halten), nutzen andere Algorithmen. Dafür hat der Verstorbene vorgesorgt und einen Teil von sich als Datei zurückgelassen: Aus seiner Social-Media-Kommunikation, seinem Messenger- und Mailverkehr, seinen Vorlieben und Abneigungen wurde im Lauf der Jahrzehnte eine Datenbasis gewonnen, die den Chatbot zu einem täuschend echten Gesprächspartner macht. Das findet niemand mehr gruselig, auch wenn es viele Menschen aus ethischen oder religiösen Gründen ablehnen. Andere nutzen die “GoneBots”, um ihre Trauer zu bewältigen oder ihre Probleme zu kommunizieren. Die legalen Algorithmen sind dabei sehr beschränkt: Sie dürfen keine Ratschläge geben, die die Hinterbliebenen in Gefahr bringen oder weitreichende Entscheidungen für sie fällen.

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