„Quasi ins Internet meißeln“ – ein Gespräch mit Petra Schaberger über Trauer im Netz (1)

Petra Schaberger (Manufaktur Quintessenz) schafft mit „Die Kleine Chronik“ schöne, individuelle Biographien im Netz. Ein Chatprotokoll zwischen ihr und Sabine Landes – unmittelbar und direkt. Das Gespräch erscheint als unregelmäßig fortgeführte Reihe – so lange, wie der Dialog braucht. 

Sabine Landes (SL): Liebe Frau Schaberger, Ihre Idee, digitale Biografien als Nachruf für Verstorbene zu erstellen, finde ich schön. Als ich diekleinechronik.de entdeckt habe, dachte ich im ersten Moment, dass das Konzept ganz ähnlich wie bei anderen Gedenkseiten ist. Auf den zweiten Blick ist mir aufgefallen, dass Sie sich aber bewusst davon absetzen möchten. Unter Ihren FAQ gibt es sogar eine eigene Seite zum Thema, was denn der Unterschied zu Gedenkseiten ist. Das scheint Ihnen sehr wichtig zu sein. Ich frage mich, ob Sie hier vor allem Ihren USP hervorheben, oder ob noch mehr dahinter steckt …

Wir sind professionelle Biografen

Petra Schaberger (PS): Liebe Frau Landes, natürlich möchte ich vor allem unseren USP – ach sagen wir doch einfach – unser Alleinstellungsmerkmal hervorheben. Es würde auch wenig Sinn machen, die 51. Gedenkseite ins Leben zu rufen, denn der Markt ist dann doch sehr gut bespielt, vor allem mit vielen kostenlosen Möglichkeiten. Wir bieten unseren Kunden jedoch ein wenig mehr, und hierfür bringen wir einen in vielen Jahren nicht leicht einzuholenden Vorsprung mit.

Wir sind professionelle Biografen bzw. Chronisten, rechtfertigen seit 12 Jahren mit Diskretion das in uns entgegengebrachte Vertrauen. Da ist in erster Linie Beratung das A & O. Für uns wird aus der Familiengeschichte erzählt, es werden die Familienalben geöffnet sowie Dokumente anvertraut. Daher ist es uns wichtig, immer und immer wieder darauf hinzuweisen, dass jede Kleine Chronik ein sehr individuell gestalteter Entstehungsprozess ist, in dem die Kunden mit einbezogen werden.

Wir klären unsere Kunden auf, dass Die Kleine Chronik unentgeltlich für 5 Jahre auf unseren Server mit gehostet wird und online ist, wir uns auch um die Wartung und Sicherheit der Seite kümmern, denn wir gehen davon aus, dass unsere Firma noch 5 Jahre besteht 😉

Zudem geben wir den Familien einen Stick mit den kompletten Daten, damit jederzeit auf Wunsch die Seite von einem Fachmann wieder aufgespielt werden kann.

Petra Schaberger: „Eine Gegenfrage, bitte …“

PS (fortgesetzt): Doch nun zu Ihnen. digital.danach kümmert sich genau um die Daten Verstorbener. Auf der Webseite, die Sie zusammen mit Dennis Schmolk führen, schreiben Sie unter „Über uns“ ein wenig nebulös „…In den letzten Jahren sind wir immer wieder auf das Thema “digitaler Nachlass” und die Frage gestoßen: Was passiert mit den Daten eines Menschen nach dessen Tod?“

Sie fragen Ihre Interviewpartner (bspw. im Interview mit Dr. Claus Schmid), was den Ausschlag für die Beschäftigung mit dem Thema gab, und genau dies würde ich nun auch gern wissen. Sicher ist diese Neugier auch meiner Profession geschuldet, aber oft geben diese Dinge den erweiterten Verständnisrahmen für sein Gegenüber.

SL: Keine Umstände wegen der Neugierde – ohne sie würden wir uns hier nicht unterhalten, noch hätte sich jemand mit dem Thema digitaler Nachlass beschäftigt. Und so ist sie auch für unsere Blogarbeit einer der wichtigsten Gründe. Als Geisteswissenschaftler haben wir Dinge schon immer gerne hinterfragt und versucht, von unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. In unserem ursprünglichen Bereich, der Buchbranche, bin ich dann zum ersten Mal intensiv mit der Digitalisierung als Quelle für viele spannende Fragestellungen in Berührung gekommen. Wie verändert sie traditionelle Abläufe? Wie sieht digitales Lesen aus und wie müssen digitale Bücher beschaffen sein? Wie verändern sie Leseverhalten aber auch das Arbeiten im Verlag? Wie kann man all diesen Fragen in der Alltagspraxis begegnen und warum machen die Veränderungen vielen Kollegen so viele Sorgen?

„Das hat mich erwischt“

SL (f): Und dann bin ich eines Nachmittags bei einer Tasse Kaffee auf einen Artikel in einer liegengebliebenen Tageszeitung gestoßen: “Menschen gehen, Daten bleiben”. Das hat mich erwischt. Da beschäftigt man sich Tag für Tag mit Fragestellungen rund um die Digitalisierung, und denkt kein einziges Mal diesen Schritt weiter. Da wir nicht nur beruflich, sondern auch privat ständig online sind, hat uns das Thema nicht mehr losgelassen. Ich konnte gar nicht glauben, dass man dazu im Netz kaum Informationen finden konnte, schon garnicht für den privaten Internetnutzer. Das wollten und wollen wir mit unserem Blog ändern. Wir beschäftigen uns also nicht direkt mit den Daten verstorbener Personen, sondern mit allgemeinen, gesellschaftlichen Fragestellungen rund um die zurückbleibenden Daten und um Tod und Trauer im Netz. Interessant ist ja z.B. auch, wie die Digitalisierung unsere Trauerrituale zu verändern beginnt.

Digitalisierung, lebenslanges Lernen und die Zukunft der Medien

PS: Erst einmal danke für die vielen Infos und eigentlich sind einige Ihrer Antworten auch Teile meiner Ausbildung zur Mediendesignerin gewesen und das ist nun schon über 16 Jahre her. In der Zwischenzeit hat sich viel getan. Damals versuchte man Grafikern klar zu machen, dass das, was eine Leseführung im Buch gewährleistet – Zeichenanzahl, Formatierungen, Schriften nicht unbedingt auf dem Bildschirm, also auf Webseiten geht. Kürzere Sätze, keine Serifenschriften, Farbkontraste – nicht zu hart und natürlich auch die Chance für Leser diese zu vergrößern. Für Viele damals wie heute eine echte Lesehilfe. Aber alles ist im Fluss, es gehen heute sogar wieder Serifenschriften …

Unlängst las ich sogar, dass die Wortabstände bei einem Blog etwas mehr als nur ein Leerzeichen haben sollten. Das erhöht den Erfolg des Blogs. Wir werden uns also wirklich lebenslang weiterbilden müssen, denn auch, wenn ich als Mediendesignerin angefangen habe, so muss ich heute noch Programmierkenntnisse haben, bspw. beim Self-Publishing. Damit berühren wir wieder Ihr Thema. Wie ist das rechtlich beim Vererben mit den E-Publikationen? Nehmen wir an – ich wäre die Tochter von Frau E. L. James und mir wäre das Buch peinlich und möchte keinesfalls weiter damit zu tun haben? Wobei ich dies nicht wirklich glaube, denn sie machte ja einen guten Schnitt.

Daten waren schon immer von Bestand

PS (f): Als ich die Beschreibung Ihrer Initialzündung bei dem Artikel „Menschen gehen – Daten bleiben“ las, kam mir in den Sinn, dass die Digitalisierung das Vorhandene nur ergänzt hat. Schon immer blieben Daten. Kirchenbücher, später Standesämter, Fotografien und Dokumente, Grabsteine mit Fotografien – auch kleine Dias und Schmalfilme und Tonaufnahmen. Alles Daten, die wir z.B., wenn Kunden das wollen, auch aufbereiten und für Die Kleine Chronik verwenden. Der Charme ist bei diesem Medium: Wir können alles im Internet präsentieren.

Was natürlich bisher auch von uns nicht gelöst werden kann, ist, dass wir nur für eine kurze Zeitspanne bspw. für 5 Jahre das anbieten können. Es bleibt spannend, ob es irgendwann Möglichkeiten gibt, solche Gedenkseiten für die „Ewigkeit“ zu hosten, quasi ins Internet zu meißeln. Die schnelle Entwicklung der digitalen Techniken, aber auch die Angreifbarkeit von Webseiten gehört ebenso dazu wie die reine Dienstleistung und die Gestaltung.

Auch Trauerrituale sind nicht unveränderlich

SL: Interessant ist ja z.B. auch, wie die Digitalisierung unsere Trauerrituale zu verändern beginnt. Als Expertin für Online-Gedenkseiten und digitale Nachrufe haben Sie bestimmt mit dieser Überlegung täglich zu tun, oder? Haben Sie den Eindruck, dass die Menschen ihre Trauer schlechter verarbeiten können, seit es nicht mehr nur den Anlaufpunkt Friedhof gibt, sondern “Gedenkorte” im Netz, die allgegenwärtig und rund um die Uhr erreichbar sind?

PS: Ich habe nur insofern täglich damit zu tun, weil ich die Facebookseite der Kleinen Chronik betreue und auch weil ich mit Frau Janetzky und Herrn Seiferth die Xing-Gruppe Bestattungskultur moderiere und die Entwicklungen bei den Dienstleistungen rund um das Thema Trauer sehe. Nicht alles was angeboten wird, hat auch eine große Nachfrage. So ist auch Die Kleine Chronik auch immer noch etwas Besonderes, ja vielleicht sogar ein Luxus, d.h. wir arbeiten nicht täglich an solchen Projekten. Was ich aber feststelle ist, dass vielen die Befangenheit genommen wird, zu kondolieren.

Nähe und Distanz gewinnen eine neue Bedeutung

PS: Man hat im Netz beides – mehr Nähe und mehr Distanz. In Wize.Life – wo ich auch das Thema Biografie betreue – wurde einmal ein Nachruf am schwarzen Brett gestartet. Verstorben war eine der ersten Mitglieder. Die Mitglieder von Wize.Life finden sich regional auch mal zu Stammtischen zusammen, aber 90% haben sich im Leben nie gesehen. Deshalb war die Flut von Beileidsgrüßen, die sich unter der Notiz ergoss, sehr erstaunlich. Wenn man es genau sieht, eigentlich nicht für die Hinterbliebenen, die evtl. keinen Zugang zum Account haben, was wieder Ihr Thema wäre.

Eine Teilnehmerin schrieb sogar ein Gedicht. Das waren schon mehr als nur anonyme Trauerbezeugungen und ja, da hat sich etwas geändert. Aber ob es besser oder schlechter ist, mag ich nicht zu beurteilen. Ich kenne natürlich auch kleine Youtube-Clips, die ganz klar machen: Die Trauer wird dadurch nicht verarbeitet, sondern der Schmerz extra offen gehalten. Aber das sind Ausnahmen.

Trauer ist eine persönliche Angelegenheit. Sie braucht Zeit, sie braucht sicher auch Rituale die sich heute längst nicht mehr nur um die der Kirchen drehen. Da ist eine Gedenkseite sicher nur eine der Möglichkeiten.

Schreibe einen Kommentar

Jetzt im Handel:
Der umfassende Ratgeber zur Vor- und Nachsorge!

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen