„Beliebt in deinem Netzwerk“ – Themen im Juli 2016

Digitaler Nachlass in der Presse

Es tut sich was. Auch im Juli war das Thema digitaler Nachlass präsent in der Presse, z.B. in der Süddeutschen Zeitung über die Regelung des digitalen Erbes, in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (kostenpflichtig) über den virtuellen Friedhof, in der DIE WELT und dem Weser Kurier über Zombies im Netz. Auch wenn die Artikel von ganz unterschiedlicher Qualität sind, begrüßen wir das sehr – denn dank dieser Berichterstattung beginnt das Thema in der Gesellschaft anzukommen. Wo wir vor einem Jahr noch in ratlose Gesichter geschaut haben, wenn wir erzählt haben, worüber wir bloggen, passiert es mir jetzt regelmäßig, dass Leute antworten: Ah, ja, das kommt mir bekannt vor, da stand erst etwas in der Zeitung. Fazit: Gerne mehr!

Launches im Juli: anera und Meminto

Abbildung: Startbild des Erklärvideos zu Meminto.
Meminto setzt auf ein Erklärvideo

Auch an Geschäftsideen zum digitalen Nachlass mangelt es nicht. Gleich zwei Start-Ups bieten seit Juli ihre Lösungsansätze für Vorsorge und Nachlassverwaltung an: Meminto startete am 4. Juli in die kostenlose Beta-Testphase. Gründer Albert Brückmann erklärte bei uns im Interview, dass Meminto nicht nur ein Nachlassverwaltungsprogramm ist, das nach dem eigenen Tod zuvor gesammelte Texte, Bilder, Videos an ausgewählte Personen ausspielt, sondern auch feststellen kann, ob der Benutzer noch am Leben ist. Besonders wichtig ist dem Gründer auch die jüngere Zielgruppe, die sich seiner Einschätzung nach selten mit dem Tod auseinandersetzt. Mit Meminto will er vermitteln, dass Vorsorgen nicht nur ein wichtiges Thema ist, sondern auch Freude machen kann – das von ihm selbst gemachte Erklärvideo wird dafür noch nicht ausreichen, aber wir sind uns sicher, das Brückmann noch etliche Ideen im Gepäck hat.

Im klassischen Geschäftsstil tritt anera (ehemals exmedio) auf. Und tatsächlich schaltet sich mit dem Start-Up die erste große Versicherungsgesellschaft in den entstehenden Markt ein: Es handelt sich um eine Gründung der ALLIANZ X GmbH. Mit dem starken Partner im Hintergrund wirbt anera vor allem mit Glaubwürdigkeit in Sachen Datensicherheit:

Die Kommunikation zwischen Ihrem Rechner und unserem Server findet mindestens auf dem selben Verschlüsselungsniveau statt, auf dem Sie auch Ihrer Bank beim Onlinebanking vertrauen.

Abbildung: Die drei Preismodelle bei anera.Daneben steht auch bei anera im Mittelpunkt, den Tod eines Klienten schnell zu ermitteln. Die Idee: Hinterlegte Kontakte sollen so schnell informiert werden, dass für sie eine Teilnahme an der Trauerfeier realistisch ist. Darüber hinaus bietet auch anera die Möglichkeit, persönliche Botschaften nach dem Tod zukommen zu lassen. Der Dienst will aber auch schon zu Lebzeiten eine Verwaltungsplattform für Abos, Versicherungen und Mitgliedschaften sein. Zur Entlastung der Hinterbliebenen werden diese nach dem Tod durch anera gekündigt. Kunden können zwischen einem kostenlosen und zwei kostenpflichtigen Modellen wählen.

Wir wünschen den Gründern alles Gute!

 

Trauerkultur im Netz: Ethik digitaler Berichterstattung

Würzburg, München, Ansbach – auch das war der Juli 2016. Die Vorfälle haben erneut eine Diskussion über unmittelbare digitale Berichterstattung ausgelöst, und inwiefern sie ethisch korrekt oder sogar gefährlich ist. Darf man schwer Verletzte und Tote fotografieren, die Bilder im Netz verbreiten? Hat die Gesellschaft einen Anspruch auf diese Unmittelbarkeit? Oder läuft das massiv wider den Respekt gegenüber Toten und Angehörigen? An sich ist diese Fragestellung nicht neu. Das Neue ist, dass wir dank digitaler Devices und Social Media alle zu potentiellen Berichterstattern werden könnten.

Der Tod und sein Platz im Netzalltag

Sehr berührt hat mich ein Beispiel aus unserem privaten Umfeld. Ein bekannter Blogger hat in einem Beitrag seinen Abschiedsbrief veröffentlicht. Einen Link dazu stellt nun seinen letzten Tweet dar. Sein digitales Netzwerk nahm die Worte ernst und hat schnell reagiert. Innerhalb kurzer Zeit wurde mittels eines eigenen Hashtags zur Suche nach ihm aufgerufen, um das Schlimmste zu verhindern. Leider kam jede Hilfe zu spät, einige Stunden später bereits brachte ein Polizeibericht die traurige Gewissheit.

Das Verstörende: Diese Stunden werden via Twitter und Facebook unfreiwillig zum Live-Event zwischen Hoffnung, Schock, dem Gefühl der Ohnmacht und schließlich Trauer. Das haben auch Boulevard-Medien wie BILD oder die Gala erkannt, die das Thema aufgreift:

Mit seinem Abschiedsbrief rief der bekannte Blogger […] eine noch nie da gewesene Such- und Hilfsaktion aus. Stundenlang bangte die Internetgemeinde um sein Leben

Dass die Netzgemeinde am selben Ort, an dem sie versucht hat, zu helfen, schließlich ihrer Trauer durch Tweets, Abschiedsposts und Blogbeiträgen Raum gibt, ist konsequent. Tod und Trauer finden im Netz in der alltäglichen Umgebung unmittelbareren Ausdruck, als das in der analogen Welt der Fall ist. Durch das geschriebene und veröffentlichte Wort wird der Moment des Kummers, der Dialog über Tod und Trauer, zusätzlich konserviert. Auch, wenn die Netzgemeinde durch diese Rituale vielleicht zu einem natürlichen Umgang mit dem Tod findet – die Algorithmen sorgen vorerst weiter für Skurrilität. Twitter informierte mich via „Beliebt in deinem Netzwerk“ per Mail und verwies auf den Abschiedstweet „Am Ende“:

Abbildung: Nachricht von Twitter im Postfach: Beliebt in deinem Netzwerk

 

 

 

 

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