Was sind meine Daten eigentlich wert?

Am Samstag ist europäischer Datenschutz-Tag. Zeit, über Daten nachzudenken: Die Presse berichtet einerseits über Big Data, Deep Learning und künstliche Intelligenz als Wirtschaftsfaktoren. Andererseits lesen wir immer wieder von Überwachung, Sicherheitsverschärfungen und Datenklau. Daher befassen wir uns diese Woche mit dem Wert unserer Daten, dem Stichwort „Datensouveränität“ und unserem eigenen Datenschutz.

Ab und an kommen wir in die Verlegenheit, erklären zu müssen, was wir mit digital.danach eigentlich machen. Dann kommt fast immer irgendwann die Frage auf: Ist es nicht egal, was nach dem Tod mit ein paar Bits und Bytes passiert? Wir finden: Nein. Denn Daten sind wertvoll.

Am Beispiel von alten Fotos, Videos, Briefen oder Mails lässt sich leicht der emotionale Wert von bloßen Bits und Bytes nachweisen. Und dass einige Leute Bitcoin, nachgefragte Domains oder Online-Casino-Guthaben besitzen, bringt einen auch schnell zu monetären Werten.

Wieso haben Daten einen Wert – und welchen?

Die Verkabelung unserer Daten-Welt ist nicht mehr leicht zu durchschauen
Die Verkabelung unserer Welt ist nicht mehr leicht zu durchschauen

Schwierig wird es dann aber, unsere Überlegung zu vermitteln, dass auch so gut wie alle anderen Daten einen „Wert“ darstellen. Dieser ist schwer zu beziffern und wirkt sehr abstrakt: Warum zählt das Bewegungsprofil, das mein Handy automatisch erstellt, zu meiner „digitalen Erbmasse“? Was kann es wert sein, zu wissen, mit wem ich wann gemailt habe? Und wieso sollten meine Angehörigen ein Interesse daran haben, für welche Art von Werbekunden mich Amazon, Facebook und Google hielten?

Der Wert von Daten ist nicht universell, tauschbar, wie der von Geld. Daten ähneln eher Rohstoffen, deren „Kurs“ je nach Qualität und Verbrauch (und damit Nachfrage) schwankt. Ihr Wert ist vom Zweck, vom Nutzer, von den Umständen abhängig. Und auch das Löschen oder Geheimhalten von Daten ist manchem Arbeit oder Geld wert.

Hinzu kommt: Einzelne Fakten sind für sich genommen sinn- und zwecklos. Wenn wir an ein einzelnes Bit denken, haben wir eine 1 oder eine 0. Erst viele weitere Bits, Bytes, Kilo-, Mega- und Petabyte ergeben einen Sinn. Und in Zeiten der ständigen und unbeschränkten Vernetzung reicht noch nicht einmal das: Erst durch die Daten der anderen werden meine Daten zu einer Sammlung, die einem Zweck dienen kann. Denn was sagt es aus, wie viele Stunden ich mich auf facebook.com aufgehalten habe? Erst durch die Information, mit welchen Profilen, Seiten und Inhalten ich interagiert habe, entsteht eine Aussage.

Hierbei handelt es sich um Nutzungsdaten, die juristisch von Bestandsdaten und Inhaltsdaten separat betrachtet werden. Wenn wir an Werte denken, dann zumeist eher an Letztere: Dass ein geheimes Rezept oder das letzte Manuskript eines Bestseller-Autors wertvoll sein können, leuchtet ein.

„If you don’t pay for the product, you are the product“

Server-Farm für unsere Daten
Server: Eine sprichwörtliche Black Box

Langsam kommen wir der Sache damit näher. Große Datensammlungen – ob spezialisiert oder generell – sind wertvoll, wenn sie die richtigen Daten und Datenarten in Verbindung bringen. Menschen, Unternehmen oder Institutionen bezahlen Geld für sie. Die öffentliche Hand erwirbt Daten-CDs über Steuersünder. Kriminelle kaufen tausende Datensätze, am liebsten Kreditkartendaten.

Und auch das Geschäftsmodell großer Internet-Konzerne hängt teilweise oder vollständig an gut gefüllten, stets aktuellen und flexibel einsetzbaren Datenbanken. Nur deshalb „schenkt“ uns Google einen riesigen WWW-Katalog, Kollaborationssoftware und gigabyteweise Speicher für unsere Mails. Nur deswegen bezahlen wir keinen Cent für die Nutzung von Facebook – außer natürlich, wir wollen dessen Datenschatz anzapfen und andere Nutzer bewerben.

Wer bin ich? Und wenn ja: wo überall?

Das Zitat „If you’re not paying for something, you’re not the customer; you’re the product being sold“ bezog sich seinerzeit übrigens auf den sozialen News-Dienst digg.com. Dieser machte sich 2010 gerade daran, seine durch Gratis-Angebote aufgebaut Reichweite zu monetarisieren – zum Leidwesen vieler Nutzer. Denn die fleißigen Multiplikatoren, die den Dienst groß gemacht hatten, wollten auf keinen Fall mit bezahlten Postings bombardiert werden. 2012 wurde Digg dann übrigens abgewickelt.

Die Mitarbeiter waren laut Wikipedia noch 12 Millionen Dollar wert, die Patente 4 Millionen und der ramponierte Markenkern nur noch 500.000 Dollar. Die alten Userdaten wurden ihren „Urhebern“ vom neuen Team durch ein Archiv-Tool wieder zugänglich gemacht, das inzwischen ebenfalls wieder offline ist. Ob die Daten anderweitig noch genutzt wurden (und ob jemand für sie bezahlte), ist schwer zu sagen.

Das komplizierte Feld des Daten-Erbes

Wir können also festhalten, dass Daten – auch ganz alltägliche Nutzungs- und Bestandsdaten – gehandelt werden und damit einen monetären Wert haben. Um aber zu unserer Eingangsfrage zurückzukommen: Wieso sollten sich Vorsorgende oder Hinterbliebene überhaupt mit dieser Frage beschäftigen? Nun, da gibt es zum einen ein paar juristische Gründe.

Online-Dienste verweigern regelmäßig den Zugang zu Daten des Verstorbenen, teilweise auch mit Hinweis darauf, dass die Offenlegung den Schutzbereich des „Höchstpersönlichen“ verletzen könnte. Nun kennt das Erbrecht tatsächlich die Schranke, dass „Höchstpersönliches, dem kein Vermögenswert zukommt, nicht vererbt wird“, wie das Netzwerk Datenschutzexpertise in einer Einschätzung zum „Postmortalen Datenschutz“ schreibt. Das heißt umgekehrt aber auch: Wenn den fraglichen Daten ein Vermögenswert zukommt, werden sie normalerweise vererbt – auch ohne Rücksicht auf das Persönlichkeitsrecht des Verstorbenen.

Wenn nun also allen Daten prinzipiell ein Vermögenswert zukommt, dürfte es Online-Diensten deutlich schwerer fallen, den Zugriff zu verweigern. Und so sieht das auch das Netzwerk:

[Der] Bestand an Daten über Verstorbene [stellt] einen Datenschatz dar, der von den Anbietern für eigene Zwecke weiterhin genutzt werden kann: Verstorbene lassen sich zwar nicht mehr kommerziell bewerben, aber möglicherweise deren Kontakte sowie die digital Trauernden. Angaben aus den Konten Verstorbener bleiben geeignet, um Erkenntnisse generell über die eigene Kundschaft und den angebotenen Dienst zukunftsbezogen abzuleiten. (S. 3)

Man weiß nie, was kommt

Ganz abgesehen davon sollte der Verbleib von Daten die Angehörigen auch noch aus anderen Gründen interessieren – auch wenn sie diese vielleicht noch nicht kennen. Denn wenn wir in den letzten Jahren eines gelernt haben, dann, dass „Big Data“ vor allem bedeutet, aus zusammenhanglosen Datenbergen strukturierte Erkenntnisse zu gewinnen (und damit Werte zu schaffen). Wir wissen ganz einfach nicht, wozu unsere oder die Daten einer verstorbenen Familienmitglieds irgendwann eingesetzt werden (können).

Bitcoin: Daten sind 'was wert
Bitcoin und Co.: Daten sind was wert

Nun bleibt noch die Frage: Was sind die Daten eines Menschen wert? Ich denke nicht, dass sie sich heute schon beantworten lässt – die Daten-Ökonomie steckt noch in ihren Kinderschuhen und wird nur von wenigen großen Unternehmen verstanden und betrieben. Das politische und andere Systeme werden noch lange brauchen, diese Ökonomie mitzugestalten. Es ist pure Spekulation, ob wir Daten in Zukunft mit Kryptowährungen wie Steem oder Decent aufwiegen oder ob die Bezahlfrage ungelöst bleibt.

Als philosophisches Gedankenspiel will ich dennoch versuchen, meinen Daten quantitativ beizukommen. Die folgenden Absätze bitte ich nicht unbedingt für bare Münze zu nehmen.
tl;dr: Die Berechnungen von Beispiel-Wertangaben können getrost übersprungen werden. Hier entlang.

Rechenweg 1: Meine Daten als Zahlungsmittel

Wir nehmen an, dass Unternehmen nichts zu verschenken haben. Im Regelfall bleiben ihnen auch keine Jahrzehnte Zeit, Dienste ohne Gegenleistung anzubieten. Das führt zu der oben schon ausgeführten Annahme, dass wir indirekt mit unseren Daten für die Leistung bezahlen. Der Wert unserer Daten ist dann (mindestens) gleich dem eigentlichen Preis des Dienstes. Als Beispiel ziehen wir hier die Produktivitäts- und Office-Suite von Google heran (also Google Drive, GMail, Google Calendar und Contacts, Google Keep und Co.).

Wir haben wiederum zwei Möglichkeiten, den Wert dieser Dienstleistung zu bestimmen: Entweder wir gucken in die Bilanz von Google und versuchen, herauszufinden, wie viel das Unternehmen dafür ausgibt und welche Rendite es erwartet. Neben permanenten Entwicklungs- und Wartungskosten verschlingt ein Cloud-Service natürlich auch viel Platz im Rechenzentrum und entsprechend viel Strom.

Das Konkurrenzumfeld der Google-Cloud

Der etwas einfachere Weg ist, sich die Preisgestaltung der Konkurrenz anzusehen. Google bietet mit 15 GB (aufgeteilt zwischen Drive, Gmail und Fotos) relativ viel Speicherplatz kostenfrei an – deutlich mehr als bspw. Dropbox (2 GB). Zwar bietet Dropbox die Möglichkeit, sich durch das Werben von Freunden mehr zu verdienen, aber das ist uns zu aufwändig. Genau deswegen scheiden auch selbst gehostete Lösungen wie Nextcloud aus, auch wenn diese mit geringen Kosten (<5.-/Monat) benutzbar wären.

Theoretisch könnte man Office-Suiten wie LibreOffice und einen Mail-, Kalender- und Aufgaben-Client wie Thunderbird nutzen (alles kostenfrei). Nur fehlt hier wieder die Cloud – die Synchronisation auf diversen Geräten müsste man also wiederum durch einen anderen Dienst sicherstellen. Auch das ist keine attraktive Berechnungsalternative.

Microsofts Office 365

Damit bleibt eigentlich nur noch ein Anbieter im Rennen: Microsofts Office 365 kommt auch in der Home-Variante mit allen relevanten Tools von Outlook über Word, Excel, Power Point bis zu OneNote sowie mit 1 TB (!) OneDrive-Speicher. Kostenpunkt: 70 Euro pro Jahr für eine Person, 100 Euro für den ganzen Haushalt.

Das Angebot von Google müssen wir aufgrund des geringeren Speicherplatzes und einiger fehlender Funktionen gegenüber MS Office geringfügig niedriger bewerten. Damit kommen wir also auf einen Preis von höchstens etwa 60-80 Euro pro Jahr. Ein erster Anhaltspunkt zum Wert meiner Daten, wenn auch nur ein sehr vager, zumal ja auch Microsoft fleißig Daten sammelt und das Abo-Modell von Office 365 eine dauerhafte Bindung zum zahlenden Kunden aufbaut.

Rechenweg 2: Meine Daten als Kapital eines Unternehmens

Die Financial Times kann zumindest sagen, was Marketer bezahlen. Aber korrespondiert das mit dem Wert?

Der zweite Ansatz: Ich betrachte meine Daten als Teil des Unternehmenskapitals von Google. Google macht seinen Umsatz nahezu vollständig mit Werbung (67 von 75 Milliarden Dollar 2015). Das funktioniert nur, weil Werbekunden den Datenschatz von Google kaufen wollen – und meine Daten sind ein Teilchen davon. (Anm.: Der Einfachheit halber verzichte ich darauf, einen Unterschied zwischen Google und Alphabet zu machen – Google erwirtschaftet über 99% des Umsatzes von Alphabet, daher behandle ich die Unternehmen synonym. Alle Daten nach dem Google-Dossier bei Statista.)

Wie viele Nutzer haben die Google-Dienste?

Nun gibt es eine ganze Reihe von Nutzern wie mir. Der Geschäftsbericht 2015 besagt:

Google’s core products such as Search, Android, Maps, Chrome, YouTube, Google Play and Gmail each have over one billion monthly active users[.]

Mit dieser Milliarde Nutzern konkurriere ich aber nicht direkt, denn die meisten davon sind keine so exzellenten Datenlieferanten wie ich. Daher sehen wir uns zwei Dienste genauer an: Google Drive verfügte 2014 über 240 Millionen aktive Nutzer im Monat. Bei Google Plus ist das Unternehmen etwas verschwiegener, aber verschiedene Quellen sprechen von bis zu 300 Millionen aktiven Nutzern im Monat. Wir nehmen an, es gibt eine relativ große Überschneidung der Gruppen und sie sind im Verlauf des Jahres relativ konstant. Dann kommen wir auf ca. 400.000.000 „Intensiv“-Nutzer, deren Datenspenden 67.000.000.000 erwirtschaften. Nach Adam Riese ist ein solcher Datensatz im Durchschnitt (!) also 167 Dollar (ca. 157 Euro) wert.

170 oder 1250 Euro?

Ein etwas anderer Ansatz: Google verfügt über eine Marktkapitalisierung in Höhe von 494,67 Mrd. Euro. Verteilt auf die Datensätze von etwa 3 Milliarden Nutzern kommen wir also wiederum auf einen Durchschnitt von ca. 167 Euro. Dabei dürfte die Varianz allerdings recht hoch liegen – manche Datensätze können zehntausende Euro wert sein (der DAX-Vorstand, der sich aufgrund einer Werbeeinblendung entschließt, das gesamte Budget in Adwords zu stecken), viele andere gar nichts. Nehmen wir wieder unsere 400.000.000 Intensiv-User als Basis, steigt der Betrag auf 1250 Euro.

Wer jetzt darüber erschrickt, wie wenig sein Datensatz wert ist, sollte bedenken: Er hat ja noch hunderte weitere. Vielleicht sind nicht alle gleich umfangreich und wertvoll wie der Google-Datensatz, aber zusammengenommen sollte sich bei fast jedem Internetnutzer ein hübsches Sümmchen ergeben.

Die Daten-Dividende

Daten sind etwas wert – individuell wie kollektiv, Nutzungs-, Bestands- wie Inhaltsdaten, sofern sich eine Anwendung findet, die von ihnen profitiert. Oder auch, wenn jemand bereit ist, in die Idee ihrer späteren Verwertbarkeit zu investieren. Oder natürlich, wenn man den Wert nicht in Geld, sondern in anderen Währungen bemisst.

Es fragt sich, ob, wann und wie wir diesen Wert quantifizieren können (sinnvoller, als es mir gelungen ist). Daran schließt sich natürlich direkt die Frage an, was wir mit dieser Information dann anfangen. Vielleicht sollte im Rahmen einer eventuellen Maschinensteuer auch eine Daten-Dividende angedacht werden.

Für unseren eigenen Datenschatz heißt das: Wir sollten uns bewusst machen, welchen Wert er für uns darstellt. Auch, wenn wir ihn in absehbarer Zeit nicht werden verkaufen oder für uns arbeiten lassen können – und für die eher geringen errechneten Summen wohl auch nicht verkaufen wollen.

Und für den Fall, dass er zu unserer Erbmasse wird, sollte zumindest ein grober Überblick vorhanden sein – um bösen Überraschungen vorzubeugen und Angehörige zu entlasten.

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5 Gedanken zu “Was sind meine Daten eigentlich wert?”

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