„Erinnerungsartefakte sollten sichtbar sein“: Über digitales Erinnern

Auf der re:publica 2016 ergab sich ein Gespräch mit Stephanie Neumann und Katja Böhme, deren Session „Things to remember“ das Erinnern in Zeiten der Digitalisierung beleuchtete. Wir haben den beiden Referentinnen einige Fragen rund um Erinnerungs- und Trauerkultur gestellt.

Wie kamen Sie auf das Thema „digitales Erinnern“?

Wir haben festgestellt, dass wir zunehmend Dinge, die uns etwas bedeuten, nur noch in digitaler Form haben, etwa Postings, Bilder oder Chat-Kommunikationen. Wir suchen aber noch geeignete Formen beim Erinnern mit diesen Artefakten, wie wir sie im Umgang mit physischen Erinnerungsdingen kennen: Die Uhr des Großvaters, die wir immer bei uns tragen, der Stein in der Hosentasche, der uns an einen Urlaub erinnert, die Kiste mit den gesammelten Briefen und Fotos aus alten Zeiten. Wir haben uns gefragt, wie wir mit den uns wichtigen digitalen Artefakten angemessen erinnern können. Was uns bisher noch fehlt, ist quasi eine „digitale Schatztruhe“.

Es geht in Ihrer Arbeit viel um das persönliche Erinnern. Welche Rolle spielt das kollektive Erinnern auf Gedenkseiten, in sozialen Netzwerken oder an anderen öffentlichen digitalen Orten?

Durch die breite Partizipation in sozialen Netzwerken wird das Teilen von multiplen Sichtweisen auf kollektiv Erlebtes und damit ein ausdifferenziertes Erinnern möglich, beispielsweise zum Jubiläum des Mauerfalls. Auch ein plattformübergreifendes gemeinsames Gedenken ist möglich: Der Tod von David Bowie etwa wurde auf Twitter, Facebook und Instagram kurzzeitig zu einem der beherrschenden Themen. Mit Musikvideos, Bildern oder Schilderungen von Konzertbesuchen wurde seiner weltweit und gemeinsam gedacht.

Die asynchrone Kommunikation sozialer Netzwerke bietet sich zudem mit ihrer zeitlichen Versetzung zur Ausbildung feingliedriger Erinnerungsebenen an. Allerdings sind Gruppen, die online weniger vertreten sind, etwa ältere Generationen, in diesen Prozess des digitalen Erinnerns kaum eingebunden. Auch können Phänomene wie Hate Speech gezielt manipulieren, wie erinnert wird. Schließlich bleibt auch im Digitalen die Art und Weise, wie Erinnerungsarbeit geleistet werden soll, abhängig von den vorherrschenden politischen Strömungen und staatlicher Förderpolitik.

Wie verändert sich mit der Digitalisierung unser autobiografisches Erinnern?

Durch die digitale Archivierung (Bilder, E-Mails, Chatkonversationen) erhalten wir eine detailliertere Dokumentation unseres Lebens, die unser autobiografisches Erinnern potentiell fördern kann. Kaum jemand hat ja noch die Zettel, die in der Schulzeit durch die Bänke gereicht wurden, wohingegen die Chatkommunikationen der SchülerInnen von heute vermutlich nahezu vollständig vorhanden sind. Gerade durch diese umfangreiche Dokumentation entsteht aber auch die Herausforderung, die uns wichtigen Dinge im Wust unserer Daten auszumachen.

Und was verändert sich an der Erinnerung an Verstorbene?

Es gibt heute schon die Praxis, auf Internetseiten an Verstorbene zu erinnern. Das gibt Trauernden die Möglichkeit, Erinnerungen zu teilen, ohne am gleichen Ort zu sein. Auch in sozialen Netzwerken wie Facebook wird Verstorbener gedacht. Das Gedenken im Digitalen kann jedoch zu einer Gratwanderung werden, wenn die geposteten Inhalte inmitten von Nachrichtenmeldungen, fröhlichen Barbecue-Abenden und Katzenvideos erscheinen. Für jemanden, der mit dem Verstorbenen eng befreundet war, kann das mitunter pietätlos wirken.

Es stellt sich auch die Frage, was mit unseren Profilen auf den unterschiedlichen Plattformen nach unserem Ableben passiert. Es ist schon befremdlich, wenn Verstorbene weiterhin aktiv sind: Zum Beispiel kommt es vor, dass man auf LinkedIn zu Interaktionen mit Personen aufgefordert wird, die gar nicht mehr leben. Einige Plattformen fangen an, auf dieses Problem zu reagieren: Beispielsweise kann ich bei Facebook eine Vertrauensperson eintragen, die den Account nach meinem Tod verwalten soll.

Was ist die größte Herausforderung beim digitalen Erinnern?

Digitales Erinnern: Fragmente und Artefakte
Digitales Erinnern: Fragmente und Artefakte

Die wesentlichen Herausforderungen sehen wir in drei Punkten: wir benötigen verstärkt Möglichkeiten zur Priorisierung, um Wichtiges von Unwichtigem abzuheben und Erinnerungsartefakte in unserem Wust von digitalen Inhalten finden zu können. Außerdem sollen Erinnerungsartefakte für uns und (wenn wir das wünschen) für andere sichtbar sein; idealerweise nicht nur im digitalem Raum, sondern auch im physischen. Und drittens sind unterschiedliche Interaktionsformen (abseits vom Klick auf eine Datei) wünschenswert, die ein vielschichtiges Erleben und Erinnern ermöglichen.

Auf der re:publica sprachen wir kurz über die Möglichkeiten, die Software bieten sollte, um Nutzer zwischen erinnerungswürdigen und „unwichtigen“ Daten unterscheiden zu lassen. Was können Software- und Interface-Design leisten, um hierbei zu helfen?

Sie können Tools entwickeln, die uns dabei helfen, unsere Daten im Nachgang und auch schon im Prozess zu verwalten. Es kann beispielsweise eine begrenzte Lebensdauer von Dateien festgelegt werden, um gar nicht erst diesen Datenberg entstehen zu lassen. Gleichzeitig können Designer Interfaces kreieren, die es ermöglichen, Zusammenhänge von Daten und damit komplexe Kontexte erkennbar zu machen. Beispielsweise könnte ein Foto von einem Konzert zusammen mit der Konzertkarte, den Postings auf sozialen Netzwerken und zugehörigen Audio- und Videofiles dargestellt werden.

Welche ganz praktischen Tipps haben Sie, wenn man schon heute eine „Schatztruhe“ anlegen und pflegen möchte?

Da hat bestimmt jeder seine eigenen Kriterien. Für uns wären das diese fünf Punkte:

1. Streng sein bei der Auswahl, damit man in der Truhe nicht gleich den nächsten Datenberg hat.
2. Einen Ort im Digitalen wählen, auf den sich vielerorts zugreifen lässt.
3. Möglichst die ganze Vielfalt von digitalen Artefakten nutzen, um auf vielschichtige Weise die Erinnerungen zu bewahren.
4. Regelmäßig die Truhe durchsehen, um hinzuzufügen oder auszusortieren.
5. Die ideale Truhe bietet Möglichkeiten, die Inhalte allein oder gemeinsam mit anderen zu erleben.

Über die Forscherinnen

Stellt Erinnern dar: Stephanie Neumann
Stephanie Neumann
Stephanie Neumann, geboren im Berliner Volkspark Friedrichshain. Aufgewachsen als Großstadtindianer. Fotografin und Interaction Designerin (M.A.) mit Interesse an Orten, Erinnerungen und Interfaces zwischen analog und digital. Arbeit für Agenturen in Berlin, Frankfurt/Main und New York. Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin an der Universität der Künste Berlin sowie an der FH Potsdam. Forschungsaufenthalt bei MSR Cambridge. Forscht derzeit am Urban Complexity Lab Potsdam zu Erinnern und Vergessen im Digitalen Zeitalter.

 

Katja Böhme
Katja Böhme

Katja Böhme ist Historikerin. Sie beschäftigt sich seit 2008 wissenschaftlich mit der Materiellen Kultur der DDR. Sie ist assoziierte Doktorandin am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam im Forschungsprojekt “Materielle Kultur als soziales Gedächtnis einer Gesellschaft”. Ihr Forschungsthema mit dem Titel “Vom Wegwerfen und Aufheben. Die Veränderung privater Objektwelten im Umbruch von 1989/1990” untersucht die Beziehung von Biografie und Objektwelt in der DDR und der Zeit nach der Wiedervereinigung sozial- und lebensgeschichtlich. Ihre Arbeitsschwerpunkte umfassen die Sozialgeschichte der DDR, Materielle Kultur, Erinnerungsforschung, Oral History und Biographik.

Linktipp: Zur rpTEN-Session gab es auch ein Interview in der Süddeutschen Zeitung.

Alle Bilder (c) privat

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