Was bleibt: Leben und Sterben aus internetsoziologischer Perspektive (Gastbeitrag von Dr. Stephan Humer)

 Dr. Stephan Humer ist Internetsoziologe und betrachtet als solcher die gesellschaftliche Bedeutung der verschiedensten Phänomene. Dabei dürfen natürlich auch der digitale Nachlass und die digitale Trauerkultur nicht fehlen – weshalb er nicht nur Referent bei der digina.16 ist, sondern auch unser dieswöchiger Gastbeiträger.

Es fällt vielen Deutschen ganz offensichtlich sehr schwer, diese Tatsache zu akzeptieren, aber: die Welt verändert sich. Unser aller Leben verändert sich. Und zwar rasant. Die Digitalisierung trägt ihren Teil dazu bei. Klar, es gibt auch noch die Globalisierung, politische Umbrüche, Kriege, Klimawandel. Aber gerade die Digitalisierung, diese mächtige Technikrevolution, haben die Deutschen auserkoren, um … sie inhaltlich weitestgehend zu ignorieren. Das ist nicht nur schade, sondern auch gefährlich. Denn das Internet macht vor nichts Halt – auch nicht vor dem Tod.


Gefahren der digitalignoranten Gesellschaft

Dr. Stephan G. Humer – Internetsoziologe
Dr. Stephan G. Humer

Wie sollte es auch? Der Tod gehört zum Leben dazu und wer digitale Spuren hinterläßt, muss sich damit abfinden, daß diese gegebenenfalls länger auf dieser Erde verweilen werden als er selbst. Und zwar weitestgehend unkontrolliert. Oder fremdkontrolliert, durch amerikanische Konzerne oder andere Staaten. Dieser Herausforderung könnte man sehr gut begegnen – wenn man denn wollte. Nur wollen die Deutschen nicht und überlassen das Feld lieber Google, Facebook und Co.

Das ist, wie gesagt, schade – und gefährlich. Denn wer sich zu Lebzeiten nicht kümmert, überläßt in dieser digital ignoranten Gesellschaft vieles dem Zufall, dem freien Spiel der kommerziellen oder staatlichen Kräfte – und nicht den Angehörigen. Keine Frage: schon bei nichtdigitalen Hinterlassenschaften gibt es immer wieder mal Ärger, da klappt auch nicht bei jedem Todesfall alles reibungslos. Erbstreitigkeiten sind Klassiker der Zivilgerichtsbarkeit und so manche Familie zerstritt sich über Omas kleines Häuschen.

Wer sich nicht kümmert, zwingt andere dazu

Aber stellen Sie sich jetzt mal vor, ihre digital vielleicht völlig ahnungslosen, bestenfalls eher durchschnittlich begabten Angehörigen sollen sich nach Ihrem Ableben um Ihren Facebookaccount, ihre E-Mails, ihre Videos, Fotos, Songs, Blockbuster, Serienstreams, Worddateien, Steuerunterlagen, Computerspiele, Websites, Domains, FTP-Zugänge, Smartphones, Browsergames, Passwortmanager, Tablets, Laptops, Netzlaufwerke, WLAN-Zugänge, Keycards, USB-Sticks und alle anderen digitalen Daten kümmern. Und damit meine ich nicht nur das unfallfreie Verwalten in dinglicher Hinsicht.

Was ist mit Ihren Logindaten? Sollen die Angehörigen später in Ihren (vielleicht sehr persönlichen, anonym geposteten) Forenbeiträgen schnüffeln können? Soll Ihr Username bei Twitter wieder freigegeben werden oder ist er Teil Ihrer Persönlichkeit, Ihrer Identität und sollte deshalb bewahrt werden? Wer bezahlt eigentlich weiterhin die Rechnung für die Cloud? Und für das Streamingangebot? Und für das Sparabo des amerikanischen Onlinehändlers? Wer bestellt es ab, wenn die Logindaten unbekannt sind? Und was ist mit den seltenen Schallplatten, die Sie jüngst in den USA bestellt haben und die noch beim Zoll liegen und darauf warten, ausgelöst zu werden?

Und das sind nur die simplen Fragen, die beantwortet werden müssen. Viel komplexer wird es bei der Frage, was mit Ihrer digitalen Identität passieren soll. Was geschieht eigentlich mit Ihrem Facebookaccount, wenn Sie sterben? Denn der Account stirbt ja nicht mit. Soll er eine Anlaufstelle für Hinterbliebene, Freunde, Arbeitskollegen werden – oder eine digitale Sackgasse, die mit Ihrem letzten Eintrag endet und ewig so stehen bleibt? Oder soll er gelöscht werden? Sollen dort Trolle und andere Vandalen geschmacklose Kommentare vornehmen können, die niemand mehr ändert oder entfernt? Die Facebookproblematik deutet es bereits an: sollen andere Ihre digitale Identität posthum unkontrolliert beeinflussen können? Oder wollen Sie – vielleicht wie im Falle von Sarg, Grab, Grabstein und Blumenschmuck auch – klare Anweisungen hinterlassen, was nach Ihrem Ableben zu tun ist?

Im digitalen gibt es noch keine vereinbarte Kultur des Nachlebens. Aber sie entsteht

Denn was wir seit Jahrhunderten durchexerzieren, was erprobt, bewährt, verbessert worden ist, ist im analogen Raum kein Thema – doch wo ist diese Routine im digitalen Raum? Das Digitale ist anstrengend, gar keine Frage. Es ist komplex, abstrakt, multidimensional; es geht um Technik, Recht und Gesellschaft; es betrifft uns auf allen Ebenen, immer und überall. Niemand kann der Digitalisierung entfliehen, denn selbst aus dem All wird man heutzutage beobachtet und fotografiert – und zwar weltweit. Damit muss man letztlich umgehen lernen – und zwar proaktiv.

Dabei muss man gar nicht mit der vielleicht größten Herausforderung – die Zeit nach der eigenen Zeit auf Erden – anfangen. Wie Sie sicherlich feststellen konnten, spielen soziale Netzwerke im Leben vieler Menschen heutzutage eine ganz besondere Rolle. Gerade nach großen Unglücken, Unfällen, Amokläufen oder Terrorattacken suchen die Menschen online nach Rat, Unterstützung, Hilfe und Verständnis. Sie wollen lesen, chatten – eben trauern. Trauer ist und bleibt individuell und jeder Mensch bedient sich der Mittel, die ihm passend erscheinen. Folglich spielen soziale Netzwerke auch bei der Trauer eine überragende Rolle, denn dort findet ein Großteil des modernen Lebens statt.

Digitale Trauer ist nicht weniger „wertvoll“ als analoge – und oft näher an der Lebenswelt der Trauernden

Man sollte nicht den Fehler machen und digitale Trauer als weniger wertvoll, fragwürdig oder gar geschmacklos abzuwerten. Letztlich geht es bei Trauer immer um Gefühle. Und wenn man Gefühle per Telefon auslösen kann, warum nicht auch per E-Mail, Chat oder Facebook? Wenn die eigenen Kinder einen Schulfreund oder eine Klassenkameradin verlieren, werden sie sich der Mittel bedienen, die ihnen vertraut sind.

Denn mal ehrlich, was wird wohl einem 14-jährigen Menschen, der gerade überraschend eine Freundin oder einen Freund verloren hat, näher sein: das lebensweltlich deutlich exotischer anmutende Prozedere einer kirchlichen Trauerfeier mit ihrem strengen Ritual oder das digitale Gespräch mit Gleichaltrigen, welches immer auch Selbstfindungscharakter hat und Unsicherheit, Chaos und Fragilität ganz natürlich in sich birgt, somit also denselben Grundlagen folgt, die auch bei der Bewältigung mit einem Todesfall gelten?

Wir leben in einer zunehmend individualisierten, freieren und globaleren Welt. Daran ändert auch der derzeitige Rechtsruck in Europa nichts, zumal er interessanterweise keinerlei Auswirkungen auf die Ausbreitung der Digitalisierung hat. Diese ist inzwischen eine zusätzliche Ebene, die sich in unser aller Lebenswelt eingezogen hat und deshalb auch entsprechende Beachtung finden muss. Zumal es nicht mehr nur Teenager, Gamer oder Nerds sind, die online ihr Leben gestalten.

Jeder hat ein digitales Leben

Was ist beispielsweise mit den ehemaligen Kommilitonen, die heute auf der anderen Seite der Erde leben und sicherlich sehr dankbar sein dürften, wenn sie trotz der großen Entfernung eine Anlaufstelle für ihre Trauer finden, nachdem sie erfahren mussten, daß ihr Studienfreund von damals überraschend aus dem Leben gerissen wurde? Was ist mit dem Manager, der gefühlt die Hälfte seines Lebens auf Flughäfen und in Hotels verbrachte und ohnehin nur wenig Zeit für Freundschaften „vor Ort“ fand? Wo ist eigentlich dessen tatsächliche Heimat? Wirklich da, wo er mal aufwuchs und vielleicht heute auch beerdigt wird – oder doch irgendwie woanders, vielleicht sogar: weltweit? Im Internet?

Offline entstandene Freundschaften können auch online weiterbestehen, ein modernes Leben kann online viel gewinnen und viel geben und das nicht nur unter Druck wie im Falle des zu vielen Reisen verpflichteten Managers, sondern auch völlig freiwillig. Via Internet kann gelebt, geliebt und, ja: getrauert werden. Folglich ist ein digitaler Ort der Trauer für viele Menschen heutzutage sicherlich genau so viel wert wie für die lokalen Angehörigen der Gang zum Friedhof. Die deutsche Trauerkultur befindet sich in einem rasanten Wandel.

Natürlich wird das Trauern am Grab, das Ritual der Bestattung, der würdevolle Umgang mit Verstorbenen nicht vollständig eliminiert und die Verabschiedung von einem Menschen zukünftig nicht nur auf einen Tweet oder einen Chat reduziert. Doch das Digitale bringt auf jeden Fall extreme Vielfalt ins Thema Trauern. Und das ist auch gut so: denn wer mit der Digitalisierung umgehen kann, kann näher bei sich selbst sein als je zuvor. Allerdings unter einer Bedingung: man muss mit Digitalisierung umgehen können.

Neue Möglichkeiten bedeuten auch neue Verpflichtungen

Wir sind es deshalb uns, unseren Angehörigen und auch den Verstorbenen schuldig: kümmern wir uns offensiv um die neuen Möglichkeiten des Trauerns, die die Digitalisierung uns bietet. Führen wir offene Gespräche mit den Menschen, die wir lieben und die digital aktiv sind. Sprechen wir über uns, unsere Emotionen, unsere Vorstellungen, die uns und unsere Identität im digitalen wie analogen Raum prägen. Eine gute Diskussion darf, ja: muss ergebnisoffen sein. Wenn die Enkel es beispielsweise gut finden, einen Barcode auf dem Grabstein des Opas zu haben, der ihnen bei jedem Friedhofsbesuch mithilfe einer App eine neue Anekdote aus dem Leben des verstorbenen Großvaters liefert: warum nicht? Warum sollte das falsch sein? Weil die Friedhofsordnung es verbietet? Weil Opa selbst nicht digital unterwegs war?

Das können jetzt und erst recht in Zukunft keine Argumente mehr sein. Bevor die Enkel den Kontakt zu ihren Ahnen einbüßen, nur, weil man an alten Vorstellungen festhält, welche den Enkeln ferner denn je sind, sollte man einer Öffnung für neue und zusätzliche Wege zustimmen. Unsere Zeit ist begrenzt. Nutzen wir sie weise, auch und gerade in Hinblick auf unsere Angehörigen. Die Digitalisierung ist eine Chance, denn nie zuvor war am Ende des Lebens mehr Beginn als heute.

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