Der Ritt auf der Sensen langer Schneide: So gründet man ein Startup of Death (Gastbeitrag)

Chrisoph Huebner hatten wir bereits letztes Jahr zu seinem Startup exmedio im Interview. Inzwischen hat er im Rahmen der Allianz Ventures den Vorsorgeservice anera (Website) aus der Taufe gehoben. Als Vertreter von anera ist er auch als Teilnehmer der Podiumsdiskussion auf der digina.16 dabei. Wir haben ihn gebeten, seine Eindrücke als „Gründer eines Todesstartups“ zu Papier zu bringen. Vielen Dank für diesen Gastartikel!

Die Geschichte von anera ist eine Startup-Story, wie man sie dieser Tage vieler Orten lesen kann: Ein Gründer, der seit langem mit einer Idee schwanger geht, Irrungen und Wirrungen auf dem Weg zum richtigen Team, zum richtigen strategischen Partner und zu passenden Marktzugängen. Finanzierung, Internationalisierung, Glorifizierung. You name it.

Was ist eigentlich die Idee hinter anera?

Christoph Huebner von aneraKurz (und ein bisschen werblich) zusammengefasst: anera ist der einzige digitale Dienstleister zur Vorsorge für das eigene Ableben, der nicht nur das Speichern und Hinterlegen von Informationen anbietet, sondern sich dann auch wirklich um die Dinge kümmert. Wir regeln all das, was mit dem Tod zu tun hat, aber nicht Vermögen oder Erbe betrifft: Wir informieren Ihre Freunde, übermitteln Ihre letzten persönlichen Botschaften, löschen oder übertragen Ihre Online-Accounts und nehmen den Trauernden die lästige und aufwändige Pflicht ab, Ihr Brigitte-Abo, Ihre Haftpflichtversicherung und Ihre ADAC-Mitgliedschaft zu kündigen.

Der Sensenmann – immer mit dabei

Eine Gründungsgeschichte wie jede andere? Fast. Wäre da nicht dieser eigenwillige Weggefährte, der alles immer ein bisschen anders macht und die Gesprächspartner einteilt in die Professionellen, die Emotionalen und die Ängstlichen: der Sensenmann. Er sitzt fast immer mit am Tisch und gibt gelegentlich seinen gar nicht so schlechten, wenn auch düsteren Humor zum Besten. Er hält den Menschen einen Spiegel vor und lässt oft tief blicken. Denn der Umgang mit der Endlichkeit allen Seins und der Unvermeidbarkeit auch des ganz eigenen Endes ist wohl das persönlichste Kapitel des menschlichen Bewusstseins. Hier konzentrieren sich letztlich alle Ängste und Hoffnungen. Oder auch eine nüchterne Abgeklärtheit.

Natürlich geht es auch nicht an einem selbst vorbei, wenn der düstere Geselle in der schwarzen Kutte täglich bei der Arbeit vorbeischaut. Er grüßt zwar freundlich und benimmt sich gesittet. Seine Präsenz wird selbstverständlich. Auch im ganz eigenen, privaten Bewusstsein.

Der Augenblick zählt mehr

Seitdem ich mich tagtäglich mit der Endlichkeit des Seins beschäftige, hat sich aber auch meine eigene Einstellung zum Leben verändert: Ich lebe bewusster. Intensiver. Befreie mich schneller von Dingen, die mir keinen Spaß machen oder mich nicht weiter bringen. Gehe noch mehr meinen eigenen Weg. Schiebe nichts mehr auf, was ich einmal machen oder erleben möchte. Entscheide noch spontaner. Hinterfrage noch mehr sinnlose Regeln und aus der Zeit gefallene Bräuche. Habe meine Dinge geregelt und lebe im Bewusstsein, diese Bühne auch jederzeit verlassen zu können.

Warum muss ich eigentlich in einem Büro sitzen, um voran zu kommen? Mein Erfolg hängt von Ergebnissen ab, nicht von Anwesenheit. Ich kann genauso produktiv in einem Coworking Space in Mailand, einer AirBnB-Wohnung in Reykjavik oder einem Straßencafé in Tel Aviv sitzen und dort arbeiten, wo es tagsüber schöner ist und ich abends viel Neues entdecken kann.

Nihilismus und Hedonismus vs. Verantwortungslosigkeit

Warum sollte ich in meinen jungen Jahren dafür zurückstecken oder ackern, dass ich später mehr davon habe? Vielleicht habe ich später gar nichts mehr davon, weil ich nicht mehr kann oder nicht mehr bin. Diese Einsicht nicht zu überdrehen in die Verantwortungslosigkeit gegenüber der eigenen Zukunft – das ist die Kunst. Aber ein paar Schritte in Richtung eines gepflegten Nihilismus und eines vernünftigen Hedonismus machen das Leben lebenswerter. Nichts aufschieben! Außer vielleicht die Steuererklärung.

Warum sollte ich Dinge, Personen und Umstände schwer und bedeutend nehmen, wenn mit meinem letzten Atemzug sowieso alles vorbei ist? Vor allem betrifft das mich selbst! Sich mit einem gesunden Altruismus und einer intrinsischen Motivation dafür einzusetzen, dass sich Dinge verbessern und die Menschen um einen und nach einem eine bessere Welt vorfinden, ist ein großartiger Antrieb im Leben. Wenn man sich selbst aber aus dieser Gleichung herauskürzt und nicht mehr so wichtig nimmt, gewinnt das alles noch einmal immens an Spaß und Leichtigkeit.

Und jetzt: Genießen Sie das Leben!

Und es wirft auch ein anderes Licht auf die Frage nach dem Danach: Was will ich hinterlassen? Was kann ich hinterlassen? Was soll bleiben? Wofür möchte ich in Erinnerung gehalten werden?

Erlebnisse? Gegenstände? Taten? Veränderungen? Gedanken?

Um noch einmal kurz die Trommel für anera zu rühren: Wenn Sie Ihre ganz persönlichen Antworten auf diese Fragen gefunden haben, helfen wir Ihnen dabei, die Dinge so zu regeln, wie Sie das wünschen. Mit Ihrer Vollmacht kümmern wir uns um all das, wenn es soweit ist. Nehmen Sie sich einen verregneten Sonntag Nachmittag vor dem Kamin Zeit, Ihre Wünsche zu sortieren und Ihre Botschaften niederzuschreiben. Wir versuchen, Ihnen das so einfach wie möglich zu machen – Ihnen das sichere Gefühl zu geben, alles geregelt zu haben und einen guten letzten Eindruck zu hinterlassen.

Und dann klappen Sie den Laptop zu, gehen Sie raus und genießen Sie das Leben!

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