Posthume Identitätskonstruktion im digitalisierten und virtuellen Raum

Kira Kollbach hat an den Universitäten in Düsseldorf, Barcelona und Köln studiert. Sie beendet diesen Sommer ihr Bachelorstudium der Medienkulturwissenschaft, der Kunstgeschichte und des Medienmanagements an der Universität zu Köln. Der folgende Beitrag enthält einige Passagen und Ergebnisse ihrer Bachelorarbeit im Fach der Medienkulturwissenschaft, welches sie mit Bestnote abschloss. Eine ausführlichere Version der Arbeit wird im kommenden SYN Magazin „virtuell“ Anfang 2018 erscheinen.

Der Zeitgeist der Gesellschaft bestimmt unsere Einstellung, unser Verstehen, unsere Begrifflichkeit vom Leben, von der Identität, aber auch vom Tod und der posthumen Identität. So hat die Digitalisierung – die Schaffung von virtuellen und digitalisierten Räumen – nicht nur Auswirkungen auf die Kommunikation und damit auf das Konstrukt der Identität und des Gedächtnisses, die sich in der sozialen Interaktion postulieren, sondern auch auf die Bildung der posthumen Identität.

Identität – im Sinne von allgemeiner individueller Identität – wird durch Individuum und Kollektiv bestimmt. Mit dem Tod des Individuums fällt zwar die erste entscheidende Einflussgröße im Identitätskonstrukt weg, doch in den Erinnerungen und Gesprächen der Hinterbliebenen bleibt die kollektive Größe bestehen. In der Trauer, in der wir uns an die Teilaspekte der Identität des Verstorbenen zurückerinnern, die uns besonders wichtig waren und die wir als besonders charakteristisch für ihn wahrgenommen haben, wird der Prozess der Identitätskonstruktion fortgesetzt, auch wenn es ein einseitiger ist. Solange man sich des Verstorbenen erinnert, existiert er in einer gewissen Weise weiter, eine posthume Identität wird konstruiert.

Trauerkultur und posthume Identität 

Was passiert mit Identitäten durch den und nach dem Tod?
Was passiert mit Identitäten durch den und nach dem Tod?

Somit ist Trauerkultur (ich beziehe mich im Folgenden immer auf die westliche Gesellschaft bzw. Kultur) – wie also den Toten gedacht, wie sich ihrer erinnert wird, wie ihr Bild, ihre Identität gebildet wird – für die Konstruktion eben dieser posthumen Identität wesentlich. Medien und Kommunikation dienen dabei als Mittel der Gedächtnisstütze und Erinnerungsarbeit. Wesenszüge des Verstorbenen kommen in Gesprächen über ihn, aber auch in Fotos, Videos und anderen Erinnerungsstücken, in Nachrichten bspw. in Form von Briefen, heutzutage vor allem aber auch in Chats und Mails zum Vorscheinen. 

Im Interaktions- und Kommunikationsprozess konstruieren wir unser Selbst, wird unser Selbst auch noch nach dem Ableben von Anderen konstruiert. Gerade die Digitalisierung, die neuen Medien, das Internet mit seinen sozialen Netzwerken haben erheblichen Einfluss auf diesen Prozess. Wir kommunizieren und konstruieren uns zunehmend in einem digitalisierten und virtuellen (Lebens-)Raum. Dass soziales Interagieren zunehmend online stattfindet, hat mehrere Auswirkungen, die sich alle unter dem Begriff einer neuen Form von Öffentlichkeit zusammenfassen lassen. 

Die neue Öffentlichkeit und das Internet

Das Massenmedium Internet schafft eine Öffentlichkeit, eine Plattform, auf der ein Individuum potentiell alle erreichen könnte. Soziale Netzwerke, Blogs etc. werden neben Kommunikation und sozialer Interaktion, die ja nach Goffman schon immer eine Selbstinszenierung impliziert, explizit zur Selbstdarstellung genutzt. Durch das Posten, das Verschriftlichen von Gedanken, Meinungen, Erfahrungen und Erwiderungen entsteht ein konstruktiver Kommunikationsprozess, ein Ausdruck des Selbst. Das Private wird zunehmends veröffentlicht und das Öffentliche privatisiert, wie Imhof und Schulz es passend auf den Punkt bringen.

Die alltägliche Kommunikation, in der wir uns selbst inszenieren, wird digital festgehalten und ist zu einem späteren Zeitpunkt immer wieder zugänglich. Diese digitalen Spuren, die auch Teil des digitalen Nachlasses sein können, sind auch immer zugleich Spuren unseres Selbst. Unser Handeln im digitalisierten und virtuellen Raum bildet einen Teil unserer Identität ab. Und eben diese Spuren können den Nachkommen helfen – unabhängig von Raum und Zeit – sich an den Verstorbenen zu erinnern und sich ein Bild von ihm zu machen. Dafür müssten natürlich die digitalen Spuren zugänglich sein. Der Zugriff der Erben auf den digitalen Nachlass, aber auch gleichzeitig der Schutz der Privatsphäre des Verstorbenen, spielt hier eine entscheidende Rolle. Das kollektive Familiengedächtnis, das bisher vor allem durch Kommunikation lebt, könnte in Zukunft eine signifikante Änderung erfahren. 

Was bedeutet das für Gedächtnis und Gedenken?

Der Wandel der Medien- und Kommunikationskultur, die digitalen Spuren unseres Selbst im „unvergesslichen“ Internet haben Einfluss auf die Konstruktion des Selbsts, des Gedächtnisses und der posthumen Identität. Die bisher geläufige Gedächtnisaufteilung der Assmanns in kommunikativ – als etwas in der alltäglichen mündlichen Interaktion Entstehendes – und kulturell – als etwas alltagsfernes, in Wort und Bild Kodifiziertes – wird in Frage gestellt.

Das Internet als Speicher- und Kommunikationsmedium fungiert als Raum der alltägllichen Kommunikation, jedoch wird diese schriftlich und digital kodiert und automatisch für die Zukunft tradiert. Es ist zu untersuchen, ob dieser Wandel in der Kommunikationskultur zu einer Verknüpfung, einer Synthese, zwischen kommunikativen und kulturellem Gedächtnis, zur Existenz einer neuen kommmunikativ-kulturellen, synthetischen Gedächtnisform, führt. In Blogs und Videotestamenten kann der Sterbende kommunikativ, aber digital kodiert, ein letztes Mal Einfluss auf sein kommendes posthumes Bild im Gedächtnis der Anderen nehmen.

Die digitalen Spuren, aber auch neue Medienentwicklungen zur Erinnerung und Konstruktion der posthumen Identität – wie die vielen Gedenkseiten im Netz, aber auch die Entwicklung von Avataren, die mit Hilfe all unserer digitalen Spuren erschaffen werden und nach unserem Tod zur Kommunikation mit den Hinterbliebebenen ent- und fortbestehen können, bestimmen einen Wandel in unserer Trauerkultur, in unserem Umgang mit Erinnerung und dem Tod. 

Weitere Faktoren des gesellschaftlichen Wandels: Säkularisierung, Frieden, Industrialisierung

Der gesellschaftliche Wandel, die Säkularisierung, die Industrialisierung, aber auch der Fakt, dass wir in Frieden leben, haben dazu geführt, dass die Toten und Sterbenden, aber auch die Trauernden zunehmends aus dem Blick der Öffentlichkeit gedrängt wurden. Es kam zu einem starken Wandel in der Bestattungs- und Trauerkultur. Allgemein gültige Trauerriten sind aus der öffentlichen Wahrnehmung im Umgang mit Trauer verschwunden. Obwohl die Toten dem privaten Raum entrissen worden, ist die Trauer um sie nun eben in diesem Bereich anzuordnen.

Mit der Digitalisierung und der Mediatisierung der Alltagswelt jedoch scheint die These der Todesverdrängung, wie sie in den letzten Jahrzehnten stark vertreten wurde, strittig. Privatpersonen – Sterbende und Trauernde – schaffen eine neue Präsenz des Todes in der Öffentlichkeit, im virtuellen und digitalisierten Raum. Die Emergenz einer neuen Öffentlichkeit – die eine neue Sichtbarkeit des Selbst, aber eben auch des Todes impliziert – und die Entstehung einer neuen synthetischen Gedächtnisform münden in einem neuen Verständnis, in einer neuen Umgangsweise mit dem Konstrukt der posthumen Identität, welches durch die Digitalisierung neue Formen annimmt.

2 Gedanken zu “Posthume Identitätskonstruktion im digitalisierten und virtuellen Raum”

  1. Wunderbar beschrieben. Das Internet hat jedoch unendliche Weiten und je mehr die Technik mitschreitet, umso größer werden die Speichermöglichkeiten. Ich sehe – selbst Anbieter von digitalen Nachrufen – dennoch noch gerade in dieser Weite ein Problem. Ein Beispiel sind die vielen Ordner mit den digitalen Fotos, die auf unseren Rechnern und externen Festplatten ruhen und selten noch angeschaut werden. So werden Volumen geschaffen, die man scheut zu sichten und zu bewerten. Obwohl dies auch zum Erbe gehört.
    Die meisten Angehörigen werden keine Zeit hierfür investieren, von Kosten für Dienstleister mal ganz abgesehen. Ich könnte mir also vorstellen, dass statt vieler Anbieter und selbst verfasstem Youtube-Video als letzter Wille, Städte und Gemeinden eher digitale Friedhöfe anbieten, da die großen Friedhöfe sich aus den bekannten Gründen mehr und mehr zu Parks wandeln.

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