Kunstprojekt „Life Is Good For Now“: Ludwig Zeller und Bernd Hopfengärtner im Interview

Im März haben wir an dieser Stelle das Kunstprojekt Life Is Good For Now vorgestellt, in dem digitaler Nachlass eine wesentliche Rolle spielt. Heute befragen wir die beiden Künstler, Ludwig Zeller (LZ) und Bernd Hopfengärtner (BH), zu den Hintergründen. 

Können Sie mir etwas zum Hintergrund des Projekts erzählen? Was gab den Impuls? Wie entstand es?

Portrait Ludwig Zeller, (c) Samuel Hanselmann
Ludwig Zeller, (c) Samuel Hanselmann

LZ: Das Projekt entstand als ein Beitrag zur Ausstellung ‚Poetics and Politics of Data’, welche 2015 im Haus der elektronischen Künste in Basel stattfand. Das Schweizerische Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung (TA-SWISS) finanzierte und beauftragte uns, mit dieser spekulativen Arbeit die Frage nach den Interferenzen der Big Data Industrie und der Medizinforschung öffentlichkeitswirksam zu inszenieren.

Bernhard Hopfengärtner. Installation von Olafur Elliason aufgenommen (grün beleuchteteter Nebelraum)
Bernhard Hopfengärtner. Installation von Olafur Elliason aufgenommen (grün beleuchteteter Nebelraum)

Wir standen in einem recht engen Kontakt und erhielten durch die TA-SWISS wichtige Impulse für die Recherche der Faktenlage zu unseren fiktionalen Szenarien. Im Speculative Design sind derartige Kollaborationen allerdings nicht ungewöhnlich, obgleich diese natürlich auch zur Limitierung von Fragestellungen führen können. Wir empfanden die Zusammenarbeit aber durchweg als positiv.

Sensible, aber wertvolle Medizindaten können auch posthum weitergegeben werden

In der Projektbeschreibung heißt es: It „discusses several scenarios for the further development of Big Data in medicine.“ Wie naheliegend war hier das Thema digitaler Nachlass für Sie? 

BH: Mit dem Tod wird häufig Persönliches der Allgemeinheit zugänglich gemacht (Briefwechsel verstorbener Persönlichkeiten) oder dem Gemeinwohl gestiftet. Bei medizinischen Daten scheint das sowieso sinnvoll zu sein. Sicherlich sind viele Menschen auch bereit, das zu Lebzeiten zu tun. In unserem Fall geht es aber um Lifestyle Daten, die ausgewertet werden, um medizinisch relevante Auswirkungen der Lebensgewohnheiten zu erforschen. Da ist zunächst einmal alles potentiell medizinisch relevant oder kann später für irgendeinen Zweck ausgewertet werden, den man noch gar nicht kennt. Das spräche für das Erfassen und Aufheben vieler Daten. Nur sind vielleicht einige so sensibel, dass man sie nicht zu Lebzeiten weitergeben möchte. Ultimativ würde dann im Nachlass entschieden, ob gelöscht oder weitergegeben wird.

 

Ausschnitt aus dem Videoprojekt „Life Is Good For Now“

Digitaler Nachlass spielt nicht nur in der Szene mit Fabian eine Rolle, der die Daten seiner Eltern erbt. Auch in den anderen Szenen schwingt mit, wie wertvoll die Daten eines Individuums über den Tod hinaus sind. Wann haben Sie sich das erste Mal mit diesem Thema beschäftigt?

BH: Mittlerweile ist das ja ein bekanntes Phänomen: Bei mir war es durch den Tod eines entfernten Facebook-Bekannten im Jahr 2008 und dem weiterexistieren des Facebook Profils, als ob nichts passiert wäre.

LZ: Bisher hatte ich damit noch keinen unmittelbaren Kontakt, aber das Thema ist mir ebenfalls schon lange geläufig. Wir beide interessieren uns schon seit mehr als zehn Jahren dafür wie digitale Systeme unsere Gesellschaft verändern. 2008 war es in der Tat noch überraschend, darüber nachzudenken, dass ein Social Media Profil zu einem Grabstein werden kann. Heute ist diese Überraschung weitestgehend verflogen und man fragt sich eher, wie man diesen Grabstein wohl angemessen pflegen würde.

Big Data: Lebenslang gesammelte Daten haben ungeahnten Wert für Forschung und Versicherungen

Informationelle Selbstbestimmung und digitaler Nachlass stehen in Life Is Good For Now in einem engen Bezug. Wie hängen sie genau zusammen?

BH: In den Nachlass kann nur fallen, worüber man selbst Verfügungsgewalt hat. Bisher ist dies in Bezug auf persönliche Daten ja nicht unbedingt der Fall.

LZ: Wir gingen letztlich von den Forderungen des Vereins “Daten und Gesundheit” aus, der sehr detailliert und realistisch entsprechende Gesetzesänderungen in der Schweiz befürwortet, die eine Vielzahl von Daten in die Hände der Schweizer Bevölkerung zurückgeben wollen. Der Verein agiert dabei nicht ganz altruistisch. Er erhofft im Zuge der Rückführung dieser Daten in die Hände derjenigen, die sie betreffen, dass diese Daten dann von der Bevölkerung in hohem Maße der medizinischen Forschung zur Verfügung gestellt werden würden. Wir wollten zum einen zeigen, welchen Wert ein lebenslang erhobener Datensatz für die Forschung und Krankenkassen haben kann und wie entsprechende Tauschmodelle aussehen könnten. Und ja, wir wollten als Videomacher in erster Linie überraschen und zum Nachdenken anregen.

Ausschnitt aus dem Videoprojekt „Life Is Good For Now“

Informationelle Selbstbestimmung fehlt uns (noch). Und tatsächlich habe ich bei meiner Arbeit manchmal den Eindruck, dass Menschen mehr bewegt, was mit ihren Daten nach ihrem Tod passiert als zu ihren Lebzeiten. Ist das paradox?

BH: Hier gibt es natürlich einen Perspektivwechsel. Die meisten Daten entstehen als Nebenprodukte vieler Tätigkeiten, als Effekt unseres Handelns. Wir sind dann eben mit den Dingen beschäftigt, die wir gerade erleben oder erledigen wollen und nicht mit den Daten, die dabei entstehen. Wenn wir uns über die Verwendung unserer Daten nach dem Tod Gedanken machen, geraten sie als Ganzes in den Blick und wir fragen und welches Bild sie von uns zeichnen und verewigen.

LZ: Und dieses Bild wird ja nun wirklich immer präziser. Natürlich kann sich ein Mensch dafür entscheiden, mit dem Ableben auch die Hoheit darüber abzugeben was die Mitmenschen von einem wahrnehmen. Schließlich verliert man ja auch die Kontrolle über seinen Körper. Aber die Idee, dass zu Lebzeiten verheimlichte Bilder und Schriftwechsel letztlich publik werden, und zukünftige Verfahren der Datenanalyse, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können, uns durchleuchten werden, ist heute zumindest ein ungewohnter und somit interessanter Gedanke.

Der digitale Nachlass als Last

In Deutschland führen wir momentan eine intensive Debatte über die Vererbbarkeit des digitalen Nachlasses. Vor allem aus erbrechtlicher Perspektive sollen die Rechte der Erben auf Zugang zum digitalen Nachlass gestärkt werden. In diesem Zusammenhang gefällt mir folgender Satz Fabians besonders gut: „Das Problem ist, dass man eigentlich alles findet, was man sucht, und eigentlich auch alles, was man vermutet, belegen kann“. Stellt der Daten-Nachlass nicht nur einen Wert, sondern auch eine emotionale Last dar, mit der wir evtl. nicht umgehen können?

LZ: Ich sehe momentan fast täglich eine Videowerbung im Internet, die einen Dienst für das Auffinden von Verwandten durch DNA-Analysen anpreist. Darüber hinaus bieten solche Dienste auch Risikoprognosen für das Eintreten vererblicher Krankheiten an. Das stößt teilweise auf erheblichen behördlichen Widerstand, um die öffentlichen Krankenkassen nicht einem Ansturm von Prophylaxepatienten auszusetzen. Diese Dienste entstehen, weil es einen tatsächlichen Markt dafür gibt und die technischen Möglichkeiten scheinbar existieren. In unserem Szenario werden neben somatischen auch psychologische Gutachten durch algorithmische Analysen von Nachfahren posthum erstellt.

Definitiv muss man sich in diesem Fall fragen, welche psychologischen Missbräuche damit denkbar wären. Das beste Gegengift wäre aber bereits hier und heute eine Aufklärung darüber, was Big Data und Machine Learning wirklich leisten können – und was nicht. Denn letztlich sind viele dieser Prognosetechniken erst kulturell mächtig, wenn wir ihnen bedingungslos glauben schenken. Hier sehe ich aktuell einen großen Bedarf für technologische Bildung und Aufklärung.

Ausschnitt aus dem Videoprojekt „Life Is Good For Now“

Der digitale Nachlass als Wert

Was meinen Sie: Was sind unsere Daten wert?

BH: Scheinbar soviel, dass wir eine Vielzahl digitaler Dienste umsonst nutzen können. Aber das ist sicherlich aufgeblasen durch billiges Geld, das in irgendwelche Startups gesteckt wird. Im Moment glauben wir alles sei digital zu lösen. Das legt nahe, dass auch der monetäre Wert der Daten etwas aufgeblasen ist. Meistens geht es ja auch um die statistische Auswertung der Datenspuren möglichst vieler Nutzer. Da ist der einzelne Datensatz gar nicht so wichtig. Andererseits ist das natürlich davon abhängig welche Fragen man an die Daten richtet. Und wenn man nicht vom monetären Wert spricht, ist natürlich alles offen.

Ausschnitt aus dem Videoprojekt „Life Is Good For Now“

Was passiert mit dem Werk nach dem Tod des Künstlers?

Taucht das Thema digitaler Nachlass auch noch an einer anderen Stelle in Ihrer Arbeit auf?

BH: Nein.

LZ: Man muss anmerken, dass wir vermeiden, politisch Stellung zu beziehen und insofern nicht an der Umsetzung oder Vermeidung spezifischer Szenarien arbeiten. Es geht uns zwar um die Aktivierung des öffentlichen Interesses, aber wir wollen dies möglichst dialektisch und neutral realisieren. Wir haben ein Interesse an einer Metaethik, aber nicht einer Moral des Digitalen, für die wir dann normativ argumentieren würden. Insofern sind wir thematisch recht mobil.

Und noch eine Frage zum Schluss: Haben Sie sich schon Gedanken darüber gemacht, was mit Ihrem eigenen digitalen Nachlass, also z.B. auch dem Film, geschehen soll?

LZ: Tatsächlich hatte ich seit 2001 fast keinen Datenverlust mehr. Also ich stelle mir das in etwa so vor: Meine letzten Jahre werde ich relativ immobil größtenteils in virtuellen Netzwerken verbringen, mit Hilfe derer ich zum einen große Teile meines Lebens medial wiederaufleben lassen kann und zum anderen auch in regem Austausch mit meinen noch lebenden Freunden stehen werde. Ich denke, ich werde auch bis ins hohe Alter noch verschiedene publizistische Tätigkeiten ausüben können. Auch, wenn große Anstrengungen natürlich dann nicht mehr denkbar sind.

Ob ich dann mein digitales Leben einer Art Open-Source-Lizenz unterstelle oder doch lieber in einen digitalen Totengräber investiere, der mit juristischen Mitteln bis ins kleinste Detail meine Löschung durchsetzt, das muss ich mir noch überlegen. Ist ja hoffentlich noch ein bisschen Zeit. Und Überzeugungen sind schließlich dafür da, dass man sie immer wieder neu bewertet, lol.

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