Gedenkseiten.de-Gründer Oliver Schmid im Interview

Oliver Schmid betreibt die Erinnerungs- und Trauerseite Gedenkseiten.de. Im Interview spricht er über Trauer im Online-Zeitalter, seine eigene Vorsorge und digitales Gedenken.

Herr Schmid, sie haben vor fünf Jahren Gedenkseiten.de ins Leben gerufen. Was hat es mit diesem Online-Portal genau auf sich und wie kam es zur Gründung?

Inhalt

Foto: Oliver Schmid
Oliver Schmid (c) privat

Anfang 2009 bin ich aufgrund einer Recherche eher zufällig auf eine virtuelle Gedenkseite gestoßen und war erst erstaunt und dann neugierig. Erste virtuelle Gedenkseiten gab es bereits seit Anfang der 1990er Jahre, mir war diese Entwicklung jedoch bis zu diesem Zeitpunkt nicht aufgefallen.

Nachdem ich mich tiefergehend und auch mit den internationalen Gedenkseiten befasst habe, wurde schnell klar, dass es in Deutschland keinen würdevollen Platz gibt. Die vorhandenen Gedenkportale sind in die Jahre gekommen, und im Vergleich zu virtuellen Gedenkseiten in anderen europäischen Ländern war das Angebot hierzulande nicht zufriedenstellend. Also habe ich das in die Hand genommen.

Gedenkseiten.de hat nach über eineinhalb Jahren Planung und Entwicklung am 26.08.2011 die Pforten geöffnet. Mit bisher über 100 Millionen Seitenaufrufen, 1,1 Millionen angelegten Gedenkseiten und entzündeten Kerzen ist Gedenkseiten.de bereits jetzt eines der größten Gedenkportale in Deutschland.

Welche neuen Aspekte bringt das Internet als Ort für Trauer und Gedenken gegenüber der analogen Welt mit sich?

Im Wesentlichen werden die bekannten und vertrauten Rituale in den virtuellen Raum transportiert. Die moderne Trauerkultur bietet die Möglichkeit, das Trauern heute öffentlich zu erleben und unsere Erfahrungen und unser Leid mit Mitmenschen, die in einer ähnlichen Situation sind, zu teilen und so den Schmerz zu verarbeiten.

Demnach ist Gedenkseiten.de eine wertvolle Bereicherung für die Trauerkultur im Internet, da es so möglich wird, auch über weite räumliche Entfernungen hinweg den Trauernden online Beistand zu leisten.

Anfang März machte die Hochrechnung eines jungen Statistikers, dass im Jahr 2098 die Anzahl der bereits verstorbenen Facebook-User die der Lebenden übersteigen werde, Schlagzeilen. Sie schaffen mit Gedenkseiten.de bewusst einen Ort des Gedenkens. Braucht das Gedenken an die Toten im Internet einen abgegrenzten Bereich?

Rational betrachtet hält uns diese Hochrechnung einen Spiegel vor die Augen und zeigt auf, wie sich die dargestellte Situation jährlich zuspitzt. Ich befürworte dies in dem Sinne, dass wir uns bereits zu Lebzeiten ein Stück weit mit dem Tod auseinandersetzen, und dem Tod – auf eine natürliche Art und Weise – einen Platz im hier und jetzt schaffen.

In vielen Kulturkreisen ist der Tod ein fester Bestandteil des Lebens, und dies ohne eine abstrakte Angst.

Ein abgegrenzter oder hervorgehobener Bereich, so wie es Gedenkseiten.de darstellt, bringt für einen trauernden Menschen den Vorteil mit sich, unter Gleichgesinnten zu sein. Man wird verstanden und muss sich nicht weiter erklären. Man bekommt Rückhalt in der Gemeinschaft und darf sich die Zeit nehmen, die jeder Einzelne benötigt, um zu trauern und zu gedenken. Ebenso wertvoll ist es, dass eine Trauerkultur auch in den sozialen Netzwerken stattfindet.

Hinterbliebene haben bei Gedenkseiten.de die Möglichkeit, virtuelle Kerzen zu entzünden oder virtuelle Geschenke, kleine Bilder, für ihre Verstorbenen abzulegen. Sie übertragen Rituale aus der analogen Welt in die abstrakte Welt der Bits und Bites. Haben die Menschen auch Schwierigkeiten damit?

Das Anzünden von Kerzen hat in den Ritualen vieler Kulturen einen festen Platz. Der brennenden Kerze kommt immer eine wichtige Bedeutung zu. Eine solche symbolisiert nicht nur für Christen auch die Seele der Verstorbenen. Zahlreiche Trauertraditionen der Erde sehen im Anzünden der Kerzen eine heilige Handlung die still und effektvoll mehr aussagt als man es mit Worten ausdrücken könnte. Für einige ein Zeichen der Erinnerung, anderen ist es wichtig, Dankbarkeit zu zeigen.

Gedenkseiten.de bietet seinen Nutzern die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Kerzenformen und -farben auszuwählen - hier werden einige gezeigt.

Es ist naheliegend, dieses Ritual auch in den virtuellen Raum zu übertragen und stilvoll umzusetzen. Auf Gedenkseiten.de werden täglich über 1.000 virtuelle Kerzen entzündet. Demnach gehe ich nicht davon aus, dass die Menschen Schwierigkeiten mit der Übertragung der Rituale in den virtuellen Raum haben, ganz im Gegenteil. Auch im virtuellen Raum ist dieses Ritual sehr beliebt.

Mit den Profilseiten wollen sie auch noch den Kindeskindern der Verstorbenen ermöglichen, ihrer Vorfahren zu gedenken – das Netz als Gedenkort, der für die Ewigkeit gedacht ist. Lässt sich das technisch gewährleisten?

Die Ewigkeit besitzt weder einen zeitlichen Anfang noch ein zeitliches Ende. Die ursprüngliche Bedeutung von „Ewigkeit“ war wohl „langer Zeitraum“. Erst später hat der Begriff vor allem die Bedeutung der „Zeitlosigkeit“ angenommen.

Die Sonne als unsere wichtigste Lebensgrundlage wird wohl in einigen Milliarden Jahren sich zunächst aufblähen und danach als weißer Zwergstern langsam verglühen. Somit ergibt sich, nach meinem Verständnis, zwar ein langer, aber eben auch zwangsläufig begrenzter Zeitraum: Es wird es wohl eine unlösbare Aufgabe sein, die Ewigkeit zu gewährleisten.

Seit August 2011 arbeite ich stetig daran, die Sicherung der Daten zu verbessern. Alle Daten werden mittlerweile gespiegelt (doppelt gesichert) um vor etwaigen Ausfällen gewappnet zu sein. Ähnlich löse ich dies z.B. auch für meine privaten Daten (Fotos, Lebenslauf, usw.). Darüber hinaus habe ich mir die Frage gestellt, wie mit Gedenkseiten.de verfahren wird, wenn ich selbst ablebe. Aufgrund dieser Fragestellung haben sich ganz natürlich die Vorgehensweise zum Umgang mit meinem digitalen Nachlass, die Veröffentlichung meines Testaments und einige organisatorische Maßnahmen zur Vorbereitung ergeben.

Im Oktober 2015 haben Sie Ihren letzten Willen aufgesetzt und zusätzlich auf Gedenkseiten.de (http://testament.gedenkseiten.de) veröffentlicht. Warum das öffentliche Statement für eine sehr private Angelegenheit?

In meinem Bekannten- und Freundeskreis habe ich bemerkt, dass viele Unsicherheiten zu den Möglichkeiten des Testaments bestehen. Seit vielen Jahren engagiere ich mich für einige gute Zwecke weltweit. Konsequent setze ich dieses Engagement auch nach meinem Ableben fort. Unter anderem deshalb entstand die Idee, eine gemeinnützige Organisation zu bedenken.

Der SOS-Kinderdorf e.V. bietet mir die Möglichkeit, auch über mein Ableben hinaus einen nachhaltigen Beitrag zu leisten. Es gibt so viele benachteiligte Kinder und Jugendliche, die Hilfe brauchen und diese vom SOS-Kinderdorf e.V. erhalten.

Diesen Schritt habe ich nach dem Motto: „Tue Gutes und sprich darüber“ einer breiten Öffentlichkeit ebenfalls zugänglich gemacht. Mein Testament darf daher auch gerne kostenfrei als Vorlage oder als Anregung genutzt werden.

Es ist dafür gesorgt, das Gedenkseiten.de von meiner Familie in meinem Sinne weitergeführt wird. Hierzu sind vorsorglich alle erforderlichen Maßnahmen getroffen worden. Somit ist der Umgang mit meinem digitalen Nachlass geregelt. Dies mache ich mit dem öffentlichen Testament zudem transparent. Der Wunsch nach Transparenz ergibt sich aus der Verantwortung gegenüber den Gedenkseiten.de-Mitgliedern, welche mir persönlich seit vielen Jahren ein großes Vertrauen entgegen bringen. Diesem möchte ich damit gerecht werden.

Sie regeln in Ihrem Testament auch ihren digitalen Nachlass, was momentan noch sehr wenige Menschen tun. Was raten Sie unseren Lesern, die sich ebenfalls um ihre digitale Identität nach dem Tod sorgen?

Fast jeder Mensch bewegt sich im Internet und dort hinterlassen wir zahlreiche digitale Spuren. Wir bewegen uns in verschiedenen sozialen Netzwerken, nutzen Internet-Foren, publizieren mittels Blogs/Webseiten. Neben den Servern der Anbieter füllen wir Smartphone, Laptop und Cloud-Services mit Daten. Damit diese Hinterlassenschaft wunschgemäß entweder fortgeführt, oder eben gelöscht werden soll, kann man das in seinem Testament festschreiben.

Neben der Frage nach dem Umgang mit den digitalen Spuren, welche wir hinterlassen, ist auch der einfache Zugang zu selbigen wichtig. So ist es ratsam z.B. die wichtigsten Zugänge zu hinterlegen, ähnlich wie man es auch mit dem Zweitschlüssel der Wohnung macht.

Mein Testament beinhaltet auch die Regelungen zum Umgang mit meinem digitalen Nachlass. So soll zum Beispiel Gedenkseiten.de von meiner Erbin oder den Testamentsverwaltern verantwortungsvoll in meinem Sinne weitergeführt werden. Darauf vertrauen die Gedenkseiten.de-Mitglieder zu Recht, deshalb wurde dies testamentarisch geregelt.

Weiter sollen meine Profile in den folgenden Online-Diensten mit einem Trauerfoto versehen und stillgelegt werden: Facebook, Google+, Instagram, XING, LinkedIn, Kiva, Twitter, SoundCloud und Pagewizz.

Ein Gedanke zu „Gedenkseiten.de-Gründer Oliver Schmid im Interview“

  1. Sehr geehrter Herr Schmid,

    ich habe am 27.10.2017 zum Todestag von meinem Sohn Marc Grüßung,
    auf dessen Gedenkseite 2 Geschenke per Paypal gekauft,
    es sind aber bis Heute leider keine Geschenke platziert worden 🙁

    Mit freundlichen Grüßen
    Birgit Jakob

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