„Wollen Sie die Daten endgültig löschen?“ – Joachim Hader von Digitale Lebensspuren (Secudor) im Interview

Digitale Lebensspuren ist ein Vor- und Nachsorge-Service für digitalen Nachlass der secudor GmbH, deren eigentlicher Bereich Unternehmenssicherheit und Datenschutz ist. Ein Interview mit Joachim Hader über Datendetektive, professionelles Löschen und warum privatrechtliche Unternehmen keine Nachhaltigkeit für persönlichen Zugangsdaten gewährleisten können.

Foto Joachim Hader
Joachim Hader, (c) privat

Herr Hader, wann und warum haben Sie sich dafür entschieden, sich um digitale Lebensspuren zu kümmern?

Meine Mitarbeiter und ich sind ausgebildete Sachverständige für EDV und Digitale Forensik und zertifizierte Datenschutzbeauftragte. Wir arbeiten für Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer, Unternehmen und Ermittlungsbehörden. Warum bieten wir diese Leistung jetzt auch für Privatleute an?

Mich hat ein tragisches Ereignis auf die Idee gebracht. Ein guter Freund, Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens, verstarb plötzlich. Er hat alle seine Geschäfte, z.B. Bankkonten, online abgewickelt und seine Ablagen im Sinne eines „papierlosen Büros“ organisiert. Seine Familie hatte keine Ahnung, wo welche Konten, Verträge, Daten und Informationen zu finden sind. Es gab kein „digitales Testament“! Die Familie war handlungsunfähig. Ich wurde mit der Recherche und Organisation sowie der Abwicklung und Verhandlung mit den diversen Anbietern beauftragt.

Dieser Vorfall hat mich bewogen, unsere Kompetenzen auch privaten Personen anzubieten, weil ich überzeugt bin, dass viele Menschen digitale Medien nach dem Motto „Strom kommt aus der Steckdose“ nutzen und sich wenig Gedanken über die Zeit „danach“ machen. Hier ist auf jeden Fall kompetente Unterstützung notwendig.

Sie helfen dabei, Vorsorge für digitale Daten und Online-Konten zu treffen – wie sieht Ihre Unterstützung denn konkret aus?

Zur Vorsorge beraten wir Kunden, wie sie vertrauliche Daten vor dem Zugriff Dritter schützen können, z.B. durch Verschlüsselung. Wir klären auch über ihre Rechte aus Sicht des Datenschutzes auf. Weiterhin beraten wir unsere Kunden, was der optimale Weg ist, um Regelungen für den Umgang mit den Daten und Zugangsdaten „danach“ zu hinterlegen.

Oftmals bitten Kunden im Rahmen der Vorsorge darum, dass wir ihre persönlichen Zugangsdaten aufbewahren. Ich erkläre den Kunden dann, dass wir als privatrechtliches Unternehmen hierfür keine Nachhaltigkeit gewährleisten können. Ich persönlich empfehle in diesem Fall das klassische Testament und die Hinterlegung beim Notar als den einzig richtigen Weg.

Auf Ihrer Seite findet man Wendungen wie „langjährige Erfahrung beim Auffinden von digitalen Spuren“, „digitale Spurensicherung“ oder „Verfahren, Werkzeuge und Software, wie sie auch von Ermittlungsbehörden“ genutzt werden – sind Sie Detektive?

Logo SecudorJa, wir sind Datendetektive. Wir sind spezialisiert auf die akribische und nachvollziehbare Beweissicherung von digitalen Spuren. Unsere Spezialisten sind ausgebildet als IT-Forensiker und zertifizierte Datenschutzbeauftragte. IT-Forensiker suchen digitale Spuren auf verschiedensten digitalen und Online-Medien und sichern Beweise, z.B. gelöschte Daten, Daten von Online-Konten, Bewegungsprofile im Auftrag von Ermittlungsbehörden und Unternehmen. Dazu nutzen wir Werkzeuge und Software, die einer speziellen Ausbildung und sehr viel Erfahrung bedürfen. Wir erstellen u.a. gerichtsverwertbare Gutachten, die von der Justiz für die Sicherung von Beweisen herangezogen werden.

Wo verläuft bei der Datenforensik die Grenze zum posthumen Persönlichkeitsrecht? z.B. wenn Erben wünschen, dass Dateien wieder hergestellt werden, die der Verstorbene ganz bewusst gelöscht hat?

Genau da setzt das Thema Vorsorge an. Wenn ich nicht will, dass Dritte auf Daten zugreifen, die ich als sensibel einstufe, dann sollte ich unbedingt entsprechende Vorsorge treffen. Vorsorge kann sein, dass ich die Daten verschlüssele oder im Testament klar regele, was mit meinen Daten geschehen soll und wer Zugriff bekommen darf.

Bewusst löschen ist auch ein Thema. Vielen Menschen ist nicht klar, was auf dem PC „löschen“ bewirkt. Da ist das Verschieben in den Papierkorb. Die Daten sind nicht gelöscht, sondern nur verschoben. Auch die Meldung von Windows „Wollen Sie die Daten endgültig löschen?“ ist irreführend. Diese Daten sind nicht von der Festplatte gelöscht, sondern nur als gelöscht gekennzeichnet.

Wenn Sie Daten wirklich endgültig löschen wollen, dann sollten Sie einen Experten zu Rate ziehen. So bieten wir u.a. einen Datenvernichtungsservice an, der von der datenschutzkonformen Löschung von Daten mittels Software bis hin zur physikalischen Vernichtung von Datenträgern (shreddern) reicht.

Kommt es bei Ihrer Arbeit auch vor, dass Erben überrascht oder irritiert sind, was sie im Nachhinein über ihren Angehörigen erfahren?

Ja. Ich erlebe auch oft sehr positive Überraschungen. Wenn Erben feststellen, welche Fotos und Videos über ihre Vergangenheit es gibt, oder auch mit welchen Themen sich der Verstorbene beschäftigt hat. Natürlich gibt es auch böse bzw. unerwartete Erlebnisse, aber diese halten sich in Grenzen.

Abbildung: Spuren im SandAuf die Frage, ob sie vorsorgen, antworten mir Menschen immer wieder aus voller Überzeugung, dass ihre digitalen Spuren doch wertlos seien. Was würden Sie antworten?

Denken wir zum Beispiel an Online-Banken, die Kontoauszüge nur noch online zur Verfügung stellen, Softwarelizenzen, Online-Abos, Bezahldienste, Einkaufsportale. Sehr oft sind hier Verpflichtungen zu erfüllen oder auch eine rechtzeitige Kündigung auszusprechen. Auf den Erben können hier immense Kosten zukommen. Der Umgang mit Verträgen und Rechnungen, die auch bei Privatleuten Aufbewahrungsfristen unterliegen, sollte geregelt sein.

Denken wir nicht nur an Online-Konten. Viele Menschen speichern Daten auf externen Datenträgern ab, deren Speicherkapazitäten oftmals mehrere Terabyte übersteigen. Hier liegen Bilder, Videos, etc. Kennt man das Passwort nicht, dann ist auf diese Daten nur für Spezialisten Zugriff möglich.

Wie viele Konten hat ein Kunde im Schnitt, für die es sich vorzusorgen lohnt, bzw. die für die Erben relevant sind?

Prinzipiell lohnt es sich, für alle Online-Konten vorzusorgen. Wir hatten einen Fall, da hatte ein Verstorbener über 300 Online-Konten für verschiedenste Portale, Online-Spiele mit Abos, Soziale Netzwerke, usw. Dabei waren auch mehr als 30 Bankkonten bei diversen in- und ausländischen Kreditinstituten. Das war sicherlich ein Extremfall. Wir gehen im Schnitt von ca. 30 bis 40 Online-Konten aus, für die es sich lohnt, Vorsorge zu treffen.

Sie haben sich für eine offene Preispolitik entschieden und sorgen dem Verbraucher gegenüber für Transparenz bei Ihren Dienstleistungen. Was hat Sie zu diesem mutigen Schritt veranlasst?

Ich verstehe die Frage nicht, warum soll das ein mutiger Schritt sein? Es ist doch selbstverständlich, dass man Endverbrauchern Dienstleistungen fair und transparent anbietet. Wir leben in einer Online-Welt, wo Transparenz oberstes Gebot ist. Abschließend möchte ich noch anmerken, dass Diskretion, Vertraulichkeit, Zuverlässigkeit und Professionalität das Leitbild unseres Unternehmens bilden und der Kunden sich nachweisbar darauf verlassen kann.

Vielen Dank für das Interview, Herr Hader!

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