Digitales kulturelles Erbe – Anne Klammt im Interview

Anne Klammt (www, Twitter) ist Geschäftsführerin von mainzed – Mainzer Zentrum für Digitalität in den Geistes- und Kulturwissenschaften. Dort unterstützt sie Forscherinnen und Forscher unterschiedlicher Disziplinen bei digitalen Forschungsfragen in den Geistes- und Kulturwissenschaften. Hier lesen Sie das ganze Interview mit der digina-Referentin (Archivieren und Erhalten: Unser kulturelles Erbe)!

Foto: Anne Klammt
Dr. Anne Klammt (Foto privat)

Frau Klammt, was verstehen Sie als Wissenschaftlerin, die sich mit unserem digitalen kulturellen Erbe beschäftigt, unter dem Schlagwort digitaler Nachlass?

Digitaler Nachlass umfasst nach meinem Verständnis erstens alle absichtlich hinterlassenen Dokumente, Dateien und digitalen Profile. Zweitens möchte ich zum Nachlass alle unabsichtlich oder auch unbemerkt hinterlassenen digitalen Spuren zählen, die wir erzeugen, sobald wir in sozialen Netzwerken aktiv werden, Messenger-Dienste verwenden, Online einkaufen usw. Diese Spuren haben im wachsenden Maße direkte Folgen auf unser soziales Umfeld, digital wie analog – von der Einschätzung der politischen Präferenzen bis zur Kreditwürdigkeit aufgrund der Nachbarschaft.

Welche Rolle spielt digitaler Nachlass in Ihrer Arbeit?

Die Frage des digitalen Nachlasses spielt für meine Arbeit auf zwei Ebenen eine Rolle. Zum einen habe ich als Wissenschaftlerin vermehrt damit zu tun, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre gesamte Forschung digital durchführen, und entsprechend ihr Nachlass *born digital* ist. Was früher als Briefwechsel zwischen Gelehrten im wissenschaftlichen Archiv aufgenommen wurde, ist heute über Festplatten, USB-Sticks, verschiedene Mail-Accounts und Weiteres verstreut.

Kulturelles Erbe: Was zählt, ist der Kontext

Also so wie auch bei Privatpersonen. Und der Unterschied zum digitalen kulturellen Erbe?

Fassen wir den Begriff des digitalen Nachlasses weiter, nämlich als Weitergabe von Kontextwissen und Wertvorstellungen, dann komme ich als weiteren Aufgabenbereich zum digitalen kulturellen Erbe. Wie kann genuin digitales kulturelles Erbe (etwa die Tweets während des arabischen Frühlings) oder auch digitalisiertes kulturelles Erbe (z.B. digitale 3D-Modelle inzwischen für immer zerstörter Denkmäler in Palmyra, Syrien) für die kommenden Generationen erhalten werden?

Hierbei geht es nicht allein um die technische Erhaltung der Dateien, sondern auch darum, die Information darüber zu erhalten und auffindbar zu machen, worum es geht. Nur wenn die Tweets als Teil der politischen Vorgänge erkennbar sind, wenn die Messdaten als digitale Repräsentation eines Monuments verständlich sind, wird die „Information“ und nicht nur die Datei aufbewahrt.

Das entsprechend zu strukturieren und zu organisieren klingt nach einer großen Aufgabe.

Dies ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit und meiner Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Es geht dabei zum einen um technische Fragen. Mehr aber noch um die Herbeiführung eines gesellschaftlichen Willens, der sich in gesetzlichen Regelungen und politischen Aufträgen abbildet.

Die digitale Ergänzung der Archive und Museen

Wie sieht diese Herausforderung in Bezug auf die Zukunft konkret aus?

Die Herausforderung der Zukunft liegt im Bereich des kulturellen Erbes in der Entwicklung eines semantischen Netzes und der Neuverhandlung des gesellschaftlichen Auftrags zur Erhaltung des kulturellen Erbes. Wir benötigen für die Pflege und Speicherung des kulturellen Gedächtnisses neue digitale Modelle, die neben die klassischen Einrichtungen zur Verwahrung des materiellen kulturellen Erbes, also Archive und Museen, treten können. Um unser Wissen digital verfügbar zu machen, müssen wir daran forschen, wie unser implizites menschliches Verstehen und das assoziative Denken in die digitale Welt übertragen werden kann. Ansonsten gerinnen unsere digitalen Daten binnen weniger Jahrzehnte zu unverständlichen Artefakten, vergleichbar mit heute nicht mehr lesbaren Schriften vergangener Kulturen.

Für beides – die physische Speicherung und die semantische Erschließung – benötigen wir rechtliche Rahmenbedingungen und politischen Willen, der sich aus einem gesellschaftlichen Diskurs ableitet. Dazu bedarf es einer Digitalisierungsdebatte auf allen Ebenen und auch in den Wissenschaften. Diese Debatte muss sich aus der aktuellen Verkrustung rund um Fragen der technischen Infrastrukturen lösen.

Von der „dummen“ Ablage zum erfahrbaren Nachlass

Worüber sprechen Sie auf der digina?

Auf der digina werde ich über Zukunftsperspektiven und konkrete Herausforderungen bei der Bewahrung des digitalen kulturellen Erbes sprechen. Es wird um rechtliche Fragen gehen: Wer bestimmt eigentlich darüber, welche Gemälde und Skulpturen in der Wikipedia abgebildet werden? Aber ich möchte auch fragen: Ist das Internet ewig und wird das kulturelle Erbe im Netz für immer zugänglich sein?

Wie kommen wir von der derzeitigen Informationssammlung im Netz zu einer digitalen Repräsentation unseres kulturellen Wissens. Wie wird also aus einer „dummen“ Dokumentenablage ein echter Nachlass, der nachfolgenden Generationen Auskunft über unsere Gedanken und Ideen gibt?

Vielen Dank, Frau Klammt, wir freuen uns schon auf Ihren Vortrag!

Featured Image: Photo by Sanwal Deen on Unsplash

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